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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Vor dem abgeschlossenen Insichruhen des Wertes, den es dem an ihmteilhabenden Wesen gewährt, tritt die Quantitätsfrage ganz zurück; dierein qualitative Bedeutung, die jenes Ideal meint, wird dadurch ver-hältnismäfsig wenig gehoben, dafs mehr Exemplare auf diese Höhe ge-langen. Das Entscheidende ist, dafs sie dem Dasein überhaupt gelungenist, und für sich allein der vollgültige Repräsentant davon zu sein, ver-leiht dem vornehmen ob menschlichen, ob untermenschlichen Wesenseine spezifische Natur. In dem Augenblick aber, in dem die Dingeauf ihren Geldwert hin angesehen und gewertet sind, rücken sie aus demBereich dieser Kategorie fort, ihre Wertqualität ist in ihrem Wert-quantum untergegangen und jenes Sich-selbst-gehören das geschilderteDoppelverhältnis zu Anderen und zu sich selbst, das wir von einemgewissen Grade an als Vornehmheit empfinden, hat seine Basis verloren.Das Wesen der Prostitution, das wir am Gelde erkannten, teilt sich denGegenständen mit, die nur noch als seine Äquivalente funktionieren,ja, diesen vielleicht in noch fühlbarerem Mafse, weil sie mehr zu ver-lieren haben, als das Geld es von vornherein hat. Jener äufsersteGegensatz der Vornehmheitskategorie, das Sich - gemein - machen mitAnderen, wird zum typischen Verhältnis der Dinge in der Geldwirt-schaft, weil sie durch das Geld, wie durch eine Zentralstation, mit-einander verbunden sind, alle mit gleicher spezifischer Schwere in demfortwährend bewegten Geldstrom schwimmen, und so, alle in derselbenEbene liegend, sich nur durch die Gröfse der Stücke unterscheiden, diesie von dieser decken.

Hier macht sich unvermeidlich die tragische Folge jeder Nivellierunggeltend: dafs sie das Hohe mehr herunterzieht, als sie das Niedrige er-höhen kann. Bei dem Verhältnis von Personen untereinander liegt dasauf der Hand. Wo ein seelischer Bezirk, insbesondere intellektuellerArt, sich bildet, auf dem eine Mehrzahl von Menschen Verständigungund Gemeinsamkeit findet da mufs derselbe dem Niveau des Tiefst-stehenden erheblich näher liegen als dem des Höchststehenden. Dennimmer ist es eher möglich, dafs dieser herunter-, als dafs jener herauf-steige. Der Umkreis von Gedanken, Kenntnissen, Willenskräften, Ge-fühlsnüancen, den die unvollkommenere Persönlichkeit mitbringt, wirdvon dem gedeckt, der der vollkommeneren eigen ist, aber nicht um-gekehrt; jener also ist beiden gemeinsam, dieser nicht; so dafs, gewisseAusnahmen Vorbehalten, der Boden gemeinsamer Interessen und Aktionenvon den besseren und den niederen Elementen nur unter Verzicht derersteren auf ihre individuellen Vorzüge wird innegehalten werden können.

Simmel , Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 28