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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Leistung, bisher nur persönlich genossen oder persönlich gewährt, blolszum Element eines Geldverkehrs und zum Gegenstand seiner objektivenGesetzmälsigkeiten werden. Bei dem Übergange der mittelalterlichenGrundherrschaft des Ritters zu der modernen Landwirtschaft ist zu kon-statieren, dafs seine Standesbegriffe sich zwar dahin erweitern: aufserder Kriegstätigkeit sei doch auch Erwerbstätigkeit für ihn zulässigaber dies sei eben nur der Betrieb der eigenen Güter; ein Erwerb,dessen Eigenart ihn nun den Kaufmann, den Händler womöglich nochmehr verachten liefs, als es vor seiner Wendung zum Ökonomischender Fall war. Das spezifische Gefühl der Würdelosigkeit des Geld-verkehrs tritt hier gerade deshalb so schroff hervor, weil die beidenWirtschaftsarten jetzt nahe aneinander gerückt sind. Es ist eine derdurchgehendsten, soziologischen Erscheinungen, dafs der Gegensatzzwischen zwei Elementen nie stärker hervortritt, als wenn derselbe sichvon einem gemeinsamen Boden aus entwickelt: Sekten der gleichenReligion pflegen sich intensiver zu hassen als ganz verschiedene Religions-gemeinschaften, die Feindschaften kleiner benachbarter Stadtstaaten waren,die ganze bekannte Geschichte hindurch, leidenschaftlicher als die grofserStaaten mit ihren räumlich und sachlich getrennten Interessengebieten,ja, man hat behauptet, dafs der glühendste Hafs, den es gibt, der zwischenBlutsverwandten wäre. Diese Steigerung des Antagonismus, der sichgleichsam von dem Hintergrund einer Gemeinsamkeit abhebt, scheint inmanchen Fällen dann ein Maximum zu erreichen, wenn die Gemeinsam-keit oder Ähnlichkeit in der Zunahme begriffen ist und damit die Gefahrdroht, dafs der Unterschied und Gegensatz überhaupt verwischt werde,an dessen Bestand wenigstens eine der Parteien lebhaft interessiert ist.Je mehr ein tiefer- und ein höherstehendes Element sich einander nähern,desto energischer wird das letztere die noch bestehenden Differenzpunktebetonen, desto höher sie werten. So entsteht der leidenschaftliche undaggressive Klassenhafs nicht dann, wenn die Klassen noch durch un-überbrückbare Klüfte geschieden sind, sondern erst in dem Augenblick,wo die niedere Klasse sich schon etwas erhoben hat, die höhere einenTeil ihres Prestige verloren hat, und ein Nivellement beider diskutiertwerden kann. So empfand der Grundherr in seinem Umwandlungsprozefsin den wirtschaftstreibenden Gutsbesitzer eine gesteigerte Notwendigkeit,sich von dem geldwirtschaftenden Kaufmann abzuscheiden. Er triebWirtschaft, aber zunächst doch nur für den eigenen Bedarf, er gab dochnicht sein Eigen für Geld hin; und wenn er das tat, so war es dochschliefslich nur das Produkt, er stellte sich doch nicht, wie der Kauf-mann, mit der Unmittelbarkeit persönlicher Leistung in den Dienst des