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Glück als das wertvollere gepriesen wird. Denn dann wäre der Fallmöglich, dals ein solches Glück, wenngleich quantitativ, d. h. als blolsesGlück, geringer als ein niedriges, sinnliches, selbstisches, dennoch diesemgegenüber das sittlich erstrebenswertere wäre. Die ethische Glückselig-keitstheorie ist deshalb nur dann konsequent, w T enn alle ethischenUnterschiede sinnlichen und geistigen, epikureischen und asketischen,egoistischen und mitfühlenden Glückes im letzten Grunde, alle Begleit-und Folgeerscheinungen eingerechnet, blofse Malsunterschiede einer undderselben, qualitativ immer gleichen Glücksart sind. Ebenso mufs diekonsequente Arbeitstheorie es durchführen können, dafs alle die unzwei-deutig empfundenen und nicht wegzudisputierenden Wertunterschiedezwischen zwei Leistungen, die als Arbeit extensiv und intensiv gleicherscheinen, im letzten Grunde nur bedeuten, dafs in der einen mehrArbeit verdichtet ist, als in der anderen, dafs nur der erste und flüchtigeBlick sie für gleiche Arbeitsquanten hält, der tiefer dringende aber eintatsächliches Mehr oder Weniger von Arbeit als den Grund ihres Mehroder Weniger von Wert entdeckt.
Tatsächlich ist diese Deutung nicht so unzulänglich, wie sie zuerstscheint. Man mufs nur den Begriff der Arbeit weit genug fassen. Be-trachtet man die Arbeit zunächst in der Beschränkung auf ihren indivi-duellen Träger, so liegt auf der Hand, dafs in jedem irgend »höheren«Arbeitsprodukt keineswegs nur diejenige Arbeitssumme investiert ist, dieunmittelbar auf eben diese Leistung verwendet worden ist. Die ganzenvorhergegangenen Mühen vielmehr, ohne die die jetzige, relativ leichtereHerstellung unmöglich wäre, müssen in sie, als für sie erforderlicheArbeit, pro rata eingerechnet werden. Gewifs ist die »Arbeit« desMusikvirtuosen an einem Konzertabend oft im Verhältnis zu ihrer ökono-mischen und idealen Einschätzung eine geringe; ganz anders aber stehtes, wenn man die Mühen und die Dauer der Vorbereitung als Bedingungder unmittelbaren Leistung dem Arbeitsquantum derselben hinzurechnet.Und so bedeutet auch in unzähligen anderen Fällen höhere Arbeit eineForm von mehr Arbeit; nur dafs diese nicht in der sinnlichen Wahr-nehmbarkeit momentaner Anstrengung, sondern in der Kondensation undAufspeicherung vorangegangener und die jetzige Leistung bedingenderAnstrengungen gelegen ist: in der spielenden Leichtigkeit, mit der derMeister seine Aufgaben löst, kann unendlich viel mehr Arbeitsmüheverkörpert sein, als in dem Schweifs, den der Stümper schon um einessehr viel niederen Ergebnisses willen vergiefsen mufs. Nun aber kanndiese Deutung der Qualitätsunterschiede der Arbeit als quantitativer sichüber die blofs persönlichen Vorbedingungen hinauserstrecken. Denn