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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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diese reichen offenbar nicht aus, um diejenigen Eigenschaften der Arbeitin der angegebenen Weise zu reduzieren, die ihre Höhe durch eine an-geborene Begabung oder durch die Gunst dargebotener objektiver Vor-bedingungen gewinnen. Hier mufs man sich einer Vererbungshypothesebedienen, die freilich hier wie überall, wo sie insbesondere erworbeneEigenschaften einbezieht, nur eine ganz allgemeine Denkmöglichkeit dar-bietet. Wollen wir die verbreitete Erklärung des Instinkts akzeptieren,dafs er aus den aufgehäuften Erfahrungen der Vorfahren besteht, die zu be-stimmten zweckmäfsigen Nerven- und Muskelkoordinationen geführt habenund in dieser Form den Nachkommen vererbt sind, derart, dafs bei diesendie zweckmäfsige Bewegung auf den entsprechenden Nervenreiz hin reinmechanisch und ohne eigener Erfahrung und Einübung zu bedürfen, er-folgt wenn wir dies akzeptieren wollen, so kann man die angeborenespezielle Begabung als einen besonders günstigen Fall des Instinkts be-trachten. Nämlich als denjenigen, in dem die Summierung solcher phy-sisch verdichteten Erfahrungen ganz besonders entschieden nach einerRichtung hin und in einer solchen Lagerung der Elemente erfolgt ist,dafs schon der leisesten Anregung ein fruchtbares Spiel bedeutsamer undzweckmäfsiger Funktionen antwortet. Dafs das Genie so viel wenigerzu lernen braucht, wie der gewöhnliche Mensch zu der gleichartigenLeistung, dafs es Dinge weifs, die es nicht erfahren hat dieses Wunderscheint auf eine ausnahmsweise reiche und leicht ansprechende Koordi-nation vererbter Energien hinzuweisen. Wenn man die hiermit an-gedeutete Vererbungsreihe weit genug zurückgliedert und sich klarmacht, dafs alle Erfahrungen und Fertigkeiten innerhalb derselben nurdurch wirkliches Arbeiten und Ausüben gewonnen und weitergebildetwerden konnten, so erscheint auch die individuelle Besonderheit dergenialen Leistung als das kondensierte Resultat der Arbeit von Gene-rationen. Der besonders »begabte« Mensch wäre demnach derjenige, indem ein Maximum von Arbeit seiner Vorfahren in latenter und zurWeiterverwertung disponierter Form auf gehäuft ist; so dafs der höhereWert, den die Arbeit eines solchen durch ihre Qualität besitzt, im letztenGrunde auch auf ein quantitatives Mehr von Arbeit zurückgeht, das erfreilich nicht persönlich zu leisten brauchte, sondern dem er nur durchdie Eigenart seiner Organisation das Weiterwirken ermöglicht. DieLeistung wäre dann, die gleiche aktuelle Arbeitsmühe der Subjektevorausgesetzt, in dem Mafse eine verschieden hohe, in dem die Strukturihres psychisch-physischen Systems eine verschieden grofse und mit ver-schiedener Leichtigkeit wirkende Summe erarbeiteter Erfahrungen undGeschicklichkeiten der Vorfahren in sich birgt. Und wenn man die