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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Arbeiter doch eine spezifische Färbung, ohne die schon die blolsen,neuerdings in England gemachten Versuche, sie in Gewerkvereinen zuorganisieren, nicht möglich wären. Sehr viel mehr entbehren jene, dendivergentesten Verdienstgelegenheiten nachgehenden Existenzen jederapriorischen Bestimmtheit ihres Lebensinhaltes im Unterschiede vomBankier, bei dem das Geld nicht nur der Endzweck, sondern auch dasMaterial der Tätigkeit ist, als welches es durchaus besondere, festgelegteDirektiven, eigenartige Interessiertheiten, Züge eines bestimmten Berufs-charakters zeitigen kann. Erst bei jenen problematischen Existenzenhaben die Wege zu dem Endziel Geld jede sachliche Einheit oder Ver-wandtschaft abgestreift. Das Nivellement, das das Geldziel den einzelnenBetätigungen und Interessen bereitet, findet erst hier ein Minimum vonWiderstand, die Bestimmtheit und Färbung, die der Persönlichkeit ausihren ökonomischen Tätigkeiten kommen könnte, ist aufgehoben. Nunist offenbar eine solche Existenz nur bei nicht gewöhnlicher Intellek-tualität von irgend welchem Erfolge, ja Möglichkeit, und zwar in jenerForm, die man als »Schlauheit« bezeichnet womit man die Lösungder Klugheit von jeder Festgelegtheit durch die Normen der Sache oderder Idee und ihre vorbehaltlose Dienstbarkeit für das jeweilige persönlicheInteresse meint. Zu diesen »Berufen« denen gerade das »Berufensein«,d. h. die feste ideelle Linie zwischen der Person und einem Lebensinhaltfehlt sind begreiflicherweise die überhaupt entwurzelten Menschendisponiert und ebenso begreiflich ruht auf ihnen der Verdacht der Un-zuverlässigkeit; wie sogar schon in Indien gelegentlich der Name fürKommissionär, Vermittler, zugleich der Name für jemanden geworden istwho lives by cheating his fellow-creatures. Jene grofsstädtischen Exis-tenzen, die nur auf irgend eine, völlig unpräjudizierte Weise Geld verdienenwollen und dazu um so mehr des Intellekts als allgemeiner Funktionbedürfen, weil spezielle Sachkenntnis für sie nicht in Frage kommtstellen ein Hauptkontingent zu jenem Typus unsichrer Persönlichkeiten,die man nicht recht greifen und »stellen« kann, weil ihre Beweglichkeitund Vielseitigkeit es ihnen erspart, sich sozusagen in irgend einerSituation festzulegen. Dafs das Geld und die Intellektualität den Zug derUnpräjudiziertheit oder Charakterlosigkeit gemeinsam haben, das ist dieVoraussetzung dieser Erscheinungen, die auf einem anderen Boden alsauf der Berührungsfläche jener beiden Mächte nicht wachsen könnten.

Gegen derartige Züge der Geldwirtschaft ist die Heftigkeit der mo-dernen Wirtschaftskämpfe, in denen kein Pardon gegeben wird, doch nureine scheinbare Gegeninstanz, da sie durch das unmittelbare Interesseam Gelde selbst entfesselt werden. Denn nicht nur, dafs diese in'einer