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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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unbeschadet aller sonstigen, gegensatzverschärfenden Folgen der In-tellektualität und der Geldwirtschaft, durch sie gestellt wird, als Ob-jektivität des Lebensstiles bezeichnen. Dies ist nicht ein Zug, der sichder Intelligenz hinzugesellte, sondern er ist ihr Wesen selbst; sie ist dieeinzige dem Menschen zugängige Art, auf die er zu den Dingen einnicht durch die Zufälligkeit des Subjektes bestimmtes Verhältnis ge-winnen kann. Angenommen selbst, dafs die gesamte objektive Wirk-lichkeit durch die Funktionen unseres Geistes bestimmt ist, so nennenwir eben diejenigen Funktionen die intelligenten, durch die sie uns alsdie objektive, im spezifischen Sinne des Wortes, erscheint, so sehr dieIntelligenz selbst auch durch anderweitige Kräfte belebt und dirigiertsei. Das glänzendste Beispiel für diese Zusammenhänge ist Spinoza :ein objektivstes Verhalten zur Welt, jeder einzelne Akt der Innerlichkeitals ein harmonisches Weiterklingen der Notwendigkeiten des allgemeinenDaseins gefordert, den Unberechenbarkeiten der Individualität nirgendsgestattet, die logisch-mathematische Struktur der Welteinheit zu durch-brechen; die Funktion, die dieses Weltbild und seine Normen trägt, dierein intellektuelle, auf das blofse Verstehen der Dinge ist diese Welt-anschauung selbst subjektiv aufgebaut und es reicht zur Erfüllung ihrerForderungen aus; diese Intellektualität selbst aber allerdings auf eintief religiöses Fühlen gegründet, auf eine völlig über-theoretische Be-ziehung zum Grunde der Dinge, die nur nie in das Einzelne des in sichgeschlossenen intellektuellen Prozesses eingreift. Im grofsen zeigt dasindische Volk dieselbe Verbindung. Aus den ältesten wie aus modernenZeiten wird berichtet, dafs zwischen den kämpfenden Heeren indischerStaaten der Landmann ruhig sein Feld bebauen könne, ohne von einerfeindlichen Partei belästigt zu werden; denn er sei »der gemeinsameWohltäter von Freund und Feind«. Offenbar ist dies ein äufserstesMals objektiver Behandlung der praktischen Dinge: die als natürlicherscheinenden subjektiven Impulse sind völlig zugunsten einer nur dersachlichen Bedeutung der Elemente entsprechenden Praxis ausgeschaltet,die Differenzierung des Verhaltens folgt nur noch einer objektiven An-gemessenheit statt denen der persönlichen Leidenschaft. Aber diesesVolk war auch völlig intellektualistisch gestimmt: an scharfer Logik,grüblerischer Tiefe der Weltkonstruktion, ja, einer kahlen Verstandes-mäfsigkeit selbst seiner gigantischsten Phantasien wie seiner gesteigertstenethischen Ideale war es in alten Zeiten allen anderen ebenso überlegen,wie es an ausstrahlender Wärme des eigentlichen Gemütslebens undan Willenskraft hinter sehr vielen zurückstand; es war ein blofser Zu-schauer und logischer Konstrukteur des Weltlaufs geworden aber