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Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens der Individualität ge-worden. Für die gewöhnliche — nicht gerade vertiefte — Anschauungist das Ich im Praktischen nicht weniger als im Theoretischen die selbst-verständliche Grundlage und das unvermeidlich erste Interesse; alleMotive der Selbstlosigkeit erscheinen nicht als ebenso natürliche undautochthone, sondern als nachträgliche und gleichsam künstlich an-gepflanzte. Der Erfolg davon ist, dafs das Handeln im selbstischenInteresse als das eigentlich und einfach » logische« gilt. Alle Hingabeund Aufopferung scheint aus den irrationalen Kräften des Gefühls undWillens zu fliefsen, so dafs die blofsen Verstandesmenschen dieselbe alseinen Beweis mangelnder Klugheit zu ironisieren oder als den Umwegeines versteckten Egoismus zu denunzieren pflegen. Gewifs ist diesschon deshalb irrig, weil auch der egoistische Wille eben Wille ist, sogut wie der altruistische, und so wenig wie dieser aus dem blofsen ver-standesmäfsigen Denken herausgeprefst werden kann; dieses vielmehrkann, wie wir sahen, immer nur die Mittel, für das eine wie für dasandere, an die Hand geben, es steht dem praktischen Zweck, der dieseauswählt und verwirklicht, völlig indifferent gegenüber. Allein da jeneVerbindung der reinen Intellektualität mit dem praktischen Egoismusnun einmal eine verbreitete Vorstellung ist, so wird sie wohl, wennauch nicht mit der angeblichen logischen Unmittelbarkeit, so doch aufirgend welchen psychologischen Umwegen irgend eine Wirklichkeithaben. Aber nicht nur der eigentlich ethische Egoismus, sondern auchder soziale Individualismus erscheint als das notwendige Korrelat derIntellektualität. Aller Kollektivismus, der eine neue Lebenseinheit ausund über den Individuen schafft, scheint dem nüchternen Verständeetwas Mystisches, ihm Undurchdringliches zu enthalten, sobald er eseben nicht in die blofse Summe der Individuen auflösen kann — wiedie Lebenseinheit des Organismus, soweit er ihn nicht als Mechanismusder Teile verstehen kann. Darum ist mit dem Rationalismus des 18. Jahr-hunderts, der sich zur Revolution aufgipfelte, ein strenger Individualismusverbunden, und erst die Opposition gegen den ersteren, die von Herderüber die Romantik führte, hat mit der Anerkennung der überindividuellenGefühlspotenzen des Lebens auch die überindividuellen Kollektivitätenals Einheiten und historische Wirklichkeiten anerkannt. Die All-gemeingültigkeit der Intellektualität ihren Inhalten nach wirkt, indemsie für jede individuelle Intelligenz gilt, auf eine Atomisierung derGesellschaft hin, sowohl vermittels ihrer wie von ihr aus gesehenerscheint jeder als ein in sich geschlossenes Element neben jedemanderen, ohne dafs diese abstrakte Allgemeinheit irgendwie in die kon-