krete überginge, in der der Einzelne erst mit den anderen zusammeneine Einheit bildete. Endlich hat die innere Zugängigkeit und Nach-Denkbarkeit theoretischer Erkenntnisse, die sich niemandem so prinzipiellversagen können, wie gewisse Gefühle und Wollungen es tun, eineKonsequenz, die ihr praktisches Resultat direkt umkehrt. Zunächst be-wirkt gerade jene allgemeine Zugängigkeit, dafs Umstände ganz jenseitsder personalen Qualifikation über die tatsächliche Ausnutzung derselbenentscheiden: was zu dem ungeheuren Übergewicht des unintelligentesten»Gebildeten« über den klügsten Proletarier führt. Die scheinbareGleichheit, mit der sich der Bildungsstoff jedem bietet, der ihn ergreifenwill, ist in der Wirklichkeit ein blutiger Hohn, gerade wie andere Frei-heiten liberalistischer Doktrinen, die den Einzelnen freilich an dem Ge-winn von Gütern jeder Art nicht hindern, aber übersehen, dafs nur derdurch irgend welche Umstände schon Begünstigte die Möglichkeit besitzt,sie sich anzueignen. Da nun die Inhalte der Bildung — trotz oderwegen ihres allgemeinen Sich-Darbietens — schliefslich nur durch indi-viduelle Aktivität angeeignet werden, so erzeugen sie die unangreifbarste,weil ungreifbarste Aristokratie, einen Unterschied zwischen Hoch undNiedrig, der nicht wie ein ökonomisch-sozialer durch ein Dekret odereine Revolution auszulöschen ist, und auch nicht durch den guten Willender Betreffenden; Jesus konnte dem reichen Jüngling wohl sagen:Schenke deinen Besitz den Armen, aber nicht: Gib deine Bildung denNiederen. Es gibt keinen Vorzug, der dem Tief erstehenden so un-heimlich erschiene, dem gegenüber er sich so innerlich zurückgesetzt undwehrlos fühlte, wie der Vorzug der Bildung; weshalb denn Bestrebungen,die auf die praktische Gleichheit ausgingen, so oft und in so vielenVariationen die intellektuelle Bildung perhorreszierten: von Buddha, denZynikern, dem Christentum in gewissen seiner Erscheinungen an bis zuRobespierres : nous n’avons pas besoin de savants. Wozu das sehrWesentliche kommt, dafs die Fixierung der Erkenntnisse durch Spracheund Schrift — abstrakt betrachtet, ein Träger ihres kommunistischenWesens — eine Anhäufung und namentlich Verdichtung derselben er-möglicht, die die Kluft zwischen Hoch und Niedrig in dieser Hinsichtsich stetig erweitern läfst. Der intellektuell beanlagte oder materiellsorgenfreiere Mensch wird um so mehr Chancen haben, über die Massehinauszuragen, je gröfser und zusammengedrängter der vorliegende Bil-dungsstoff ist. Wie dem Proletarier heute mancherlei früher versagte Kom-forts und Kulturgenüsse zugängig sind, zugleich aber—besonders wenn wirmehrere Jahrhunderte und Jahrtausende zurücksehen — die Kluft zwischenseiner Lebenshaltung und der der höheren Stände doch viel gröfser geworden
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