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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Praxis des Egoismus, die erschöpfende Entwicklung personaler Unter-schiede an diesem nivellierten, allgemein zugängigen und gültigen, unddeshalb jedem Sonderwillen gegenüber widerstandslosen Material. DieWirrnis und das Gefühl geheimen Selbstwiderspruches, das den Stilder Gegenwart an so vielen Punkten charakterisiert, wird zum Teil aufdieser Unausgeglichenheit und Gegenbewegung beruhen, die zwischendem Sachgehalt, der objektiven Bedeutung jener Gebiete und ihrer per-sonalen Verwendung und Ausgestaltung in Hinsicht auf Allgemeinheitund Gleichheit besteht.

Ich komme in dem Stilbilde der Gegenwart auf einen letzten Zug,dessen Rationalistik den Einflufs des Geldwesens sichtbar macht. Diegeistigen Funktionen, mit deren Hilfe sich die Neuzeit der Welt gegen-über abfindet und ihre inneren individuellen und sozialen Beziehungenregelt, kann man grofsenteils als rechnende bezeichnen. Ihr Erkenntnis-ideal ist, die Welt als ein grofses Rechenexempel zu begreifen, die Vor-gänge und qualitativen Bestimmtheiten der Dinge in einem System vonZahlen aufzufangen, und Kant glaubt in der Naturlehre nur sovieleigentliche Wissenschaft zu finden, wie in ihr Mathematik angewandtwerden kann. Aber nicht nur die körperliche Welt gilt es mit Wägenund Messen geistig zu bezwingen; den Wert des Lebens selbst wollenPessimismus wie Optimismus durch ein gegenseitiges Aufrechnen vonLust und Leid festsetzen, der zahlenmäfsigen Fixierung beider Faktorenmindestens als ihrem Ideal zustrebend. In derselben Richtung liegt dievielfache Bestimmung des öffentlichen Lebens durch Majoritätsbeschlüsse.Die Majorisierung des Einzelnen durch die Tatsache, dafs andere, vonvornherein doch nur gleichberechtigte, anderer Meinung sind, ist keines-wegs so selbstverständlich, wie sie uns heute erscheint; alte germanischeRechte kennen sie nicht: wer dem Beschlufs der Gemeinde nicht zu-stimmt, ist auch nicht durch ihn gebunden; im Stammesrat der Irokesen,in den aragonesischen Cortes bis ins 16. Jahrhundert hinein, im polnischenReichstag und andern Gemeinschaften gab es keine Uberstimmung; dernicht einstimmige Beschlufs war ungültig. Das Prinzip, dafs die Minoritätsich zu fügen hat, bedeutet, dafs der absolute oder qualitative Wert derindividuellen Stimme auf eine Einheit von rein quantitativer Bedeutungreduziert ist. Die demokratische Nivellierung, der jeder für einen undkeiner für mehr als einen gilt, ist das Korrelat oder die Voraussetzungdieses rechnenden Verfahrens, in dem das arithmetische Mehr oderWeniger unbenannter Einheiten die innere Wirklichkeit einer Gruppe aus-drückt und ihre äufsere lenkt. Dieses messende, wägende, rechnerisch