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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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ein Sonderleben mit Sonderinteressen führte: immer nur mit einem Teileder Persönlichkeit, deren andere sich anderen Zentren zuwenden, sindwir dem Staate verwachsen. Die Kunst dagegen beläfst keinem auf-genommenen Element eine Bedeutung aufserhalb des Rahmens, in densie es einstellt, das einzelne Kunstwerk vernichtet den Vielsinn der Worteund der Töne, der Farben und der Formen, um nur ihre ihm zugewandteSeite für das Bewufstsein bestehen zu lassen. Diese Geschlossenheit desKunstwerks aber bedeutet, dafs eine subjektive Seeleneinheit in ihm zumAusdruck kommt; das Kunstwerk fordert nur einen Menschen, diesenaber ganz und seiner zentralsten Innerlichkeit nach: es vergilt dies da-durch, dafs seine Form ihm der reinste Spiegel und Ausdruck des Subjektszu sein gestattet. Die völlige Ablehnung der Arbeitsteilung ist so Ursachewie Symptom des Zusammenhanges, der zwischen der in sich fertigenTotalität des Werkes und der seelischen Einheit besteht. Umgekehrt,wo jene herrscht, bewirkt sie eine Inkommensurabilität der Leistung mitdem Leistenden, dieser erblickt sich nicht mehr in seinem Tun, das eineallem Persönlich-Seelischen so unähnliche Form darbietet und nur alseine ganz einseitig ausgebildete Partialität unseres Wesens erscheint,gleichgültig gegen die einheitliche Ganzheit desselben. Die stark arbeits-teilige, mit dem Bewufstsein dieses Charakters vollbrachte Leistung drängtalso schon von sich aus in die Kategorie der Objektivität, die Betrachtungund Wirkung ihrer als einer rein sachlichen und anonymen wird für denArbeitenden selbst immer plausibler, der sie nicht mehr in die Wurzelseines Gesamtlebenssystems hinabreichen fühlt.

Je vollständiger ein Ganzes aus subjektiven Beiträgen den Teil insich einsaugt, je mehr es der Charakter, jedes Teiles ist, wirklich nurals Teil dieses Ganzen zu gelten und zu wirken, desto objektiver ist dasGanze, desto mehr lebt es ein Leben jenseits aller Subjekte, die es pro-duzierten. Im Ganzen entspricht jener Spezialisierung der Produktioneine Verbreiterung der Konsumtion: wie selbst der in seinem Geistes-leben spezialisierteste, fachmäfsig einseitigste Mensch der Gegenwarteben doch seine Zeitung liest, und damit eine so umfassende geistigeKonsumtion übt, wie sie vor hundert Jahren auch dem in seiner geistigenAktivität vielseitigsten und weitestausgreifenden Menschen nicht möglichwar. Die Erweiterung der Konsumtion aber hängt an dem Wachsender objektiven Kultur, denn je sachlicher, unpersönlicher ein Produktist, für desto mehr Menschen ist es geeignet. Damit der Konsum desEinzelnen ein so breites Material finden könne, mufs dieses sehr vielenIndividuen zugängig und anziehend gemacht, kann nicht auf subjektiveDifferenziertheiten des Begehrens angelegt sein, während andrerseitsSimmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 33