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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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des Zinsfufses zwischen grolser Billigkeit und schwindelhafter Höhe.Die Vervollkommnung der Geldwirtschaft hat nun diese Schwankungenderartig ausgeglichen, dafs der Zinsfufs, mit früheren Zeiten verglichen,kaum noch aus seiner Stabilität weicht und dafs eine Änderung desenglischen Bankdiskonts um ein Prozent schon als ein Ereignis vongrofser Bedeutsamkeit gilt; wodurch denn der Einzelne in seinenDispositionen aufserordentlich beweglicher und von der Bedingtheitdurch Schwankungen befreit wird, die oberhalb seiner liegen und derenRhythmus die Erfordernisse seines eigenen Geschäftsgebahrens in eineihnen oft genug widerstrebende Formung zwang.

Die Gestaltungen, die der Rhythmus oder sein Gegenteil den Daseins-inhalten verleiht, verlassen nun aber ihre Form als wechselnde Stadieneiner Entwicklung und bieten sich im Zugleich dar. Das Lebensprinzip,das man mit dem Symbol des Rhythmisch-Symmetrischen, und dasjenige,das man als das individualistisch-spontane bezeichnen kann, sind dieFormulierungen tiefster Wesensrichtungen, deren Gegensatz nicht immer,wie in den bisherigen Beispielen, durch Einstellung in Entwicklungs-gänge versöhnbar ist, sondern die dauernden Charaktere von Individuenund Gruppen abschliefsend bezeichnet. Die systematische Lebensformist nicht nur, wie ich schon hervorhob, die Technik zentralistischerTendenzen, mögen sie despotischer oder sozialistischer Art sein, sondernsie gewinnt aufserdem einen Reiz für sich: die innere Ausgeglichenheitund äufsere Geschlossenheit, die Harmonie der Teile und Berechenbarkeitihrer Schicksale verleiht allen symmetrisch-systematischen Organisationeneine Anziehung, deren Wirkungen weit über alle Politik hinaus an un-zähligen öffentlichen und privaten Interessen gestaltende Macht übt. Mitihr sollen die individuellen Zufälligkeiten des Daseins eine Einheit undDurchsichtigkeit erhalten, die sie zum Kunstwerk macht. Es handeltsich um den gleichen ästhetischen Reiz, wie ihn die Maschine auszuübenvermag. Die absolute Zweckmäfsigkeit und Zuverlässigkeit der Be-wegungen, die äufserste Verminderung der Widerstände und Reibungen,das harmonische Ineinandergreifen der kleinsten und der gröfsten Be-standteile : das verleiht der Maschine selbst bei oberflächlicher Betrachtungeine eigenartige Schönheit, die die Organisation der Fabrik in er-weitertem Mafse wiederholt und die der sozialistische Staat im aller-weitesten wiederholen soll. Aber diesem Reize liegt, wie allemÄsthetischen, eine letztinstanzliche Richtung und Bedeutsamkeit desLebens zum Grunde, eine elementare Beschaffenheit der Seele, von derauch die ästhetische Anziehung oder Bewährung nur eine Erscheinungan äufserem Stoffe ist; wir haben jene nicht eigentlich, wie wir ihreSimmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 36