Zweites Kapitel: Die vorkapitalistische Wirtschaftsgesinnung 1Z
Der immer wiederkehrende Grundgedanke jedes echten .Hand-werkers und Handwerksfreundes ist der: das Handwerk solleseinen Mann ernähren. Er will so viel arbeiten, daß er seinenUnterhalt gewinnt; er hat, wie die Handwerker in Jena (von denenuns Goethe erzählt) „meist den vernünftigen Sinn, nicht mehrzu arbeiten, als sie allenfalls zu einem lustigen Leben brauchen".Wie es in der sogenannten Reformation Sigismunds heißt,die den tausendfach wiederholten Grundgedanken aller hand-werksmäßigen Organisation in klassischer Form ausspricht: „woltir aber kören, wag kaiserlicli reckt ^epuitet, uns vorciernsinci nit naren ^evvessen — es sinci nantvverclc ciarumberteilt, ciss ^eäermsn sein tä^Iicn brot ciarmit Aevvin uncisol niemsnt ciem anciern preisten in sein nantwerek. ciamitscnickt ciie weit ir notciurit unä maA sicn ^ecierman er-neren"°).
Natürlich muß sich aus der Verschiedenheit der Personen,aus der Verschiedenheit der Erwerbsquellen eine verschiedeneAuffassung vom Wesen der „Nahrung" bei Bauer und Hand-werker ergeben. Der Bauer will als eigner Herr auf seinerScholle sitzen und aus dieser im Rahmen der Eigenwirtschaftseinen Unterhalt ziehen. Der Handwerker ist auf den Absatzseiner Erzeugnisse, auf die Verwertung seiner Dienste an-gewiesen: er ist immer in eine verkehrswirtschaftliche Organisationeinbezogen. Was für den Bauern also die hinreichende Größeseines Besitztums ist, ist für den Handwerker der genügendeUmfang seines Absatzes. Aber die Grundidee bleibt in beidenFällen dieselbe.
Man hat mir, als ich schon früher ähnliche Gedanken ent-wickelte, entgegengehalten: es sei ganz verkehrt, für irgendeineZeit anzunehmen, daß die Menschen sich beschränkt hätten, nurihren Unterhalt zu befriedigen, nur ihre „Nahrung" zu haben,nur ihren naturgemäßen traditionellen Bedarf zu decken. Viel-