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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Einleitung

Geistesarbeit nicht gewohnten Männern ausgegangen sind. ...Ich erinnere nur daran, wie überraschend lückenhaft in der Be-rücksichtigung der verschiedenen Gebiete des Rechtslebens unsereälteren Stadtrechte sich erweisen" °).

Ein Analogon dazu in der Sphäre der Wirtschaft bietet dergering entwickelte Sinn für das Rechnungsmäßige, für dasexakte Abmessen von Größen, für die richtige Handhabung vonZiffern. Das gilt selbst für die Tätigkeit des Kaufmanns. InWirklichkeit wollte man gar nichtexakt" sein. Das ist einespezifisch moderne Vorstellung, daß Rechnungen notwendigstimmen" müssen. Alle frühere Zeit ging bei der Neuheitziffernmäßiger Wertung der Dinge und ziffernmäßiger Ausdrucks-weise immer nur auf eine ganz ungefähre Umschreibung derGrößenverhältnisse hinaus. Jeder, der sich mit Rechnungen desMittelalters befaßt hat, weiß, daß bei Nachprüfungen der vonihnen aufgeführten Summe oft sehr abweichende Ziffern heraus-kommen. Flüchtigkeits- und Rechenfehler sind gang und gäbe^).Der Wechsel von Ziffern im Ansatz einer Beispielrechnung ist,fast möchte man sagen, die Regel ^. Wir müssen uns eben dieSchwierigkeiten für jene Menschen, Ziffern auch nur kurze Zeitim Kopfe zu behalten, als ungeheuer große denken. Wie heutebei Kindern.

Aller dieser Mangel an exakt-rechnerischem Wollen undKönnen kommt nun aber in der Loi-ciisant-Buchführungdes Mittelalters zum deutlichsten Ausdruck. Wer die Auf-zeichnungen eines Tölner, eines Viko von Geldersen,eines Wittenborg, eines Ott Ruhland durchblättert,hat Mühe, sich vorzustellen, daß die Schreiber bedeutende Kauf-leute ihrer Zeit gewesen sind. Denn ihre ganze Rechnungs-führung besteht in nichts anderem als einer ungeordnetenNotierung der Beträge ihrer Ein- und Verkäufe, wie sie heutejeder Krämer in der kleinen Provinzstadt vorzunehmen pflegt.