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Einleitung
lieber das tun läßt, was er schon getan hat, und was erinfolgedessen „kann", die ihn also ebenfalls in den Bahnenfesthält, die er bereits eingeschlagen hat.
Sehr fein nennt Tönnies") die Gewohnheit: Wille oderLust durch Erfahrung entstanden. Arsprünglich indifferente oderunangenehme Ideen werden durch ihre Assoziativ« und Ver-mischung mit ursprünglich angenehmen selber angenehme, bissie endlich in die Zirkulation des Lebens und gleichsam in dasBlut übergehen. Erfahrung ist Äbung und Äbung hier diebildende Tätigkeit. Äbung, zuerst schwer, wird leicht durch viel-fache Wiederholung, macht unsichere und unbestimmte Be-wegungen sicher und bestimmt, bildet besondere Organe undKräftevorräte aus. Damit aber wird der tätige Mensch immerwieder dazu veranlaßt, das ihm leicht gewordene zu wieder-holen, das heißt bei dem einmal Erlernten zu bleiben, gleich-gültig, ja feindselig gegenüber Neuerungen, kurz traditionalistischzu werden.
Es kommt dazu ein Moment, auf das Vierkandt mitRecht hinweist, daß der einzelne als Glied einer Gruppe imBestreben, sich als würdiges Glied zu erweisen, die diese Gruppeauszeichnenden Kulturgüter besonders pflegt. Was wiederumdie Wirkung hat, daß der einzelne grundsätzlich nicht das Neueerstrebt, sondern eher das Alte zur Vollendung zu bringen trachtet.
So wird der ursprüngliche Mensch durch mannigfaltigeKräfte gleichsam in die Bahnen der bestehenden Kultur hinein-geschoben, und dadurch wird seine gesamte seelische Kultur ineiner bestimmten Richtung beeinflußt: „Die Fähigkeit derSpontaneität, der Initiative, der Selbständigkeit, die ohnehingering ist, wird noch mehr abgeschwächt entsprechend demallgemeinen Satze, daß Anlagen sich nur nach Maßgabe ihrerfortgesetzten Anwendung entwickeln können und mangels einersolchen verkümmern" ^).