Achtes Kapitel: Die bürgerlichen Tugenden 161
Moral beim Geschäft, das heißt bei der Abwicklung vonGeschäften, beim Vertragsabschluß also mit der Kundschaft, wirdfür gewöhnlich bezeichnet mit dem Ausdruck: kaufmännischeSolidität: also Zuverlässigkeit im Kalten von Versprechungen,„reelle" Bedienung, Pünktlichkeit in der Erfüllung von Ver-pflichtungen usw. Sie ist auch erst mit der Herausbildung derkapitalistischen Wirtschaft möglich und nötig geworden. Siegehört also zu dem Komplex „bürgerlicher" Tugenden, von denenhier die Rede ist.
Wir werden kaum von der „Solidität" eines Bauern, von der„Solidität" eines Handwerkers reden (wir meinten denn die Artihrer Arbeit, an die wir aber nicht denken, wenn wir von einerbesonderen kaufmännischen Solidität sprechen). Erst nachdem sichdas Wirtschaften aufgelöst hatte in eine Reihe von Vertrags-abschlüssen, erst nachdem die wirtschaftlichen Beziehungen ihrefrühere rein persönliche Färbung verloren hatten, konnte der Be-griff der „Solidität" in dem hier gemeinten Sinne entstehen. Dasheißt also genau genommen: eine Moral der Vertragstreue.
Auch diese mußte erst einmal als persönliche Tugend ent-wickelt werden. And sie ist als solche ausgebildet worden vondenselben Florentinern (oder anderen) Wollhändlern, die wireben als die Väter der ökonomischen Tugendlehre kennen ge-lernt haben. „Niemals (?) hat es", meint Alberti wieder,„in unsrer Familie jemand gegeben, der bei den Verträgen seinWort gebrochen hätte... ." „Immer haben die Ansrigen bei denVertragsabschlüssen höchste Einfachheit, höchste Wahrhaftigkeitbeobachtet und dadurch sind sie in Italien und im Auslande alsKaufleute großen Stils bekannt geworden." „Bei jedem Kaufund jedem Verkauf herrsche Einfachheit, Wahrhaftigkeit, Treueund Ehrlichkeit, sei es im Verkehr mit dem Fremden, sei es indem mit dem Freunde; mit allen seien die Geschäfte klar undbündig""«).