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Zweiter Abschnitt: Der Bürgergeist
Diese Grundsätze werden dann in Zukunft von jedem ver-treten, der dem Geschäftsmann Lehren erteilt. In all denvorhin genannten Schriften kehren sie fast gleichlautend wieder.Unnötig daher, Belege beizubringen.
Der Stand der kaufmännischen Solidität ist nicht immerund nicht bei allen Völkern zu den verschiedenen Zeiten derselbegewesen. Im allgemeinen nehmen wir wahr, daß die Soliditätmit der Ausbreitung des kapitalistischen Wesens immer größerwird. Interessant ist es z. B., zu beobachten, wie die englischeGeschäftswelt, die später als das Muster der Solidität angesehenwurde, noch im 17. Jahrhundert im Rufe einer nicht übermäßigsoliden Geschäftsführung stand. Wir haben eine Reihe vonZeugnissen, die uns darüber belehren, daß damals die Holländerden Engländern als Vorbilder strenger Solidität vorgehaltenwurden
Nun hat aber, wie wir sahen, das Wort „Geschäftsmoral"noch einen andern Sinn. Es bedeutet auch eine Moral, dieden Zweck verfolgt, geschäftliche Vorteile zu erlangen: also eineMoral fürs Geschäft, eine Moral aus Geschäft. Auch diesewird zu einem Bestandteil der bürgerlichen Tugenden mit demAufkommen des Kapitalismus . Es erscheint von nun ab vor-teilhaft (aus Geschäftsrücksichten), bestimmte Tugenden zupflegen oder — sie doch wenigstens zur Schau zu tragen, odersie zu haben und zu zeigen. Diese Tugenden lassen sich untereinem Sammelbegriff zusammenfassen: das ist die bürgerlicheWohlanständigkeit. Man muß „korrekt" leben: das wirdnun zu einer obersten Verhaltungsmaßregel für den guten Ge-schäftsmann. Man muß sich aller Ausschweifungen enthalten, sichnur in anständiger Gesellschaft zeigen; man darf kein Trinker,kein Spieler, kein Weiberfreund sein; man muß zur heiligen Messeoder zur Sonntagspredigt gehen; kurz, man muß auch in seinemäußeren Verhalten der Welt gegenüber ein guter „Bürger"