Dreizehntes Kapitel: Der moderne Wirtschaftsmensch 225
Sie haben auch einen eigentümlichen Begriff geschaffen, umdie jeweils schnellsten Leistungen als höchste Werte ihremGemüte wie ihrem Gedächtnis einzuprägen, einen Begriff, derauch bei der Vergleichung der Quantitäten Anwendung findetund dem erst eine volle Wirklichkeit entspricht, wenn Größeund Schnelligkeit sich in einer Leistung verbinden: den Begriffdes Rekords. Aller Größenwahn und aller Schnelligkeits-wahn unserer Zeit findet seinen Ausdruck in diesem Begriffedes Rekords. And ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daßein Geschichtsschreiber, der die Gegenwart, in der wir heuteleben, in ein paar hundert Iahren schildern soll, diesen Abschnittseiner Darstellung überschreibt: „Das Zeitalter des Rekords".
3. Das Neue reizt die Menschen unserer Zeit, weil esneu ist. Am stärksten: wenn es „noch nicht dagewesen" ist.Wir nennen den Eindruck, den die Mitteilung des Neuen, amliebsten: des „noch nicht Dagewesenen", auf die Menschen macht:Sensation. Annötig, Belege für die Tatsache anzuführen, daßunsere Zeit im höchsten Maße „sensationslüstern" ist. Diemoderne Zeitung ist ja ein einziger großer Beweis dafür.Die Art unserer Vergnügungen (Wechsel der Tänze in jedemWinter!), die Moden (Durchjagung aller Stilarten in zehnIahren!), die Freude an neuen Erfindungen (Luftschiffe!): allesund jedes spricht für dieses starke Interesse am Neuen, das inden modernen Menschen lebt und sie immer wieder Neues er-streben und aufsuchen läßt.
4. Der Machtkitzel, den ich als viertes Wahrzeichenmodernen Geistes bezeichnen möchte, ist die Freude daran, unsanderen überlegen zeigen zu können. Er ist im letzten Grundeein Eingeständnis der Schwäche; weshalb ja auch, wie wirsahen, er einen wichtigen Bestandteil der kindlichen Werteweltbildet. Ein Mensch mit wahrer innerer und natürlicher Größewird niemals der äußeren Macht einen besonders hohen Wert
Soinbart, Der Bourgeois 15