Fünfzehntes Kapitel: Bourgeoisnaturen
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Menschheit). Alles andere in der Welt ist nichtig. And fürnichts in der Welt darf die Liebe nur Mittel sein. Nicht fürden Genuß, nicht für die Erhaltung der Gattung. Die Mahnung:„Seid fruchtbar und mehret euch" enthält die tiefste Ver-sündigung gegen die Liebe.
Der erotischen Natur gleich fern steht die unsinnliche wiedie sinnliche Natur, die beide sich vortrefflich mit der Bürger-natur vertragen. Sinnlichkeit und Erotik sind fast einander aus-schließende Gegensätze. Dem Ordnungsbedürfnis der Bürgerlich-keit fügen sich sinnliche und unsinnliche Naturen, erotische nie.Eine starke Sinnlichkeit kann — wenn gezähmt und behütet —der kapitalistischen Disziplin zugute kommen; die erotische Ver-anlagung widerstrebt allen Anterwerfungen unter eine bürger-liche Lebensordnung, weil sie niemals Ersatzwerte für Liebes -werte annehmen wird.
Die erotischen Naturen sind außerordentlich verschiedendimensioniert und ebenso verschieden nuanciert, versteht sich:vom heiligen Augustinus und dem heiligen Franziskus und der„schönen Seele" bewegen sie sich in unzähligen Abstufungenhinab bis zur Philine und dem in Liebesabenteuern sein Lebenverbringenden Alltagsmenschen. Aber auch diese sind noch inihrem Wesen grundsätzlich zum Bürger verdorben.
And für die Herausbildung der Bürgerlichkeit als einerMassenerscheinung kommen vielmehr die gewöhnlichen Naturenin Betracht als die überlebensgroßen.
Ein guter Äaushälter, können wir es ganz allgemein aus-drücken, also ein guter Bürger und ein Erotiker welchen Gradesauch immer sind unversöhnliche Gegensätze. Entweder im Mittel-punkt aller Lebenswerte steht das Wirtschaftsinteresse limweitesten Sinne), oder das Liebesinteresse. Entweder man lebt,um zu wirtschaften oder um zu lieben. Wirtschaften heißtsparen, lieben heißt verschwenden. In ganz nüchterner Weise