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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Siebzehntes Kapitel: Die Philosophie

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Von den leitenden Ideen der spätantiken Philosophie sagteihnen am meisten der auch der Stoa zugrunde liegende Ge-danke eines sittlichen Naturgesetzes zu, demgemäß der Vernunftdie Herrschaft über die natürliche Triebwelt gebührt, der Ge-danke also der Rationalisierung der gesamten Lebensführung.Diesen Gedanken, der zu den Tiefen der Erkenntnis führt, undden wir namentlich in der Stoa zu einem erhabenen Systemder Weltbetrachtung und Weltbewertung ausgebaut sehen, ver-flachte man begreiflicherweise, indem man ihn in dem reinutilitarischen Sinne umbog: daß unser höchstes Glück aus einerrationellen,zweckmäßigen" Lebensgestaltung fließe. Immerhinblieb als Grundton der Lehren eines Alberti und der ver-wandten Geister diese allem kapitalistischen Wesen ungemeinfördersame sittliche Forderung der Disziplinierung und Methodi-sierung des Lebens bestehen. Wenn Alberti nicht müde wird,die Überwindung der Triebhaftigkeit des Menschen durch Selbst-zucht zu predigen, so beruft er sich dabei mehr als einmal aufantike Gewährsmänner^). (So nimmt er z. B. aus Seneca den Gedanken: »keliqus nobis aliena sunt, tempus tsmenrwstrum e8t« alle übrigen Dinge sind unserer Einwirkung ent-zogen: die Zeit ist unser.)

Man kann, wenn man es darauf anlegt, das heißt einzelneAnsichten ohne ihren Bezug auf das Ganze des Lehrgebäudesherausgreift, jeden stoischen Traktat in einen utilitarisch-rationalistischen verflachen, und deshalb bot unseren Woll-händlern selbst die stoische Philosophie, die sie kannten, eineFülle von Anregung und Belehrung. Ich denke mir z. B.,daß Alberti oder Ruccellai Marc Aurels wundervolleSelbstbetrachtungen" zur Äand nahmen, mit Eifer studiertenund sich dabei folgende Stellen auszogen (ich zitiere mit geringenAbweichungen nach der Übersetzung von vr. Albert Witt-stock):