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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
Seneca über Sinn und Bedeutung des Reichtums und desErwerbs sagt, hat Alberti fast wörtlich übernommen. Diewichtigsten Stellen (cie tranqu. an., 21. 22. 23) lauten im Aus-zuge wie folgt:
„Der Weise hält sich keineswegs der Gaben des Glückes für un-wert. Er liebt den Reichtum nicht, aber er hat ihn gern; er nimmtihn nicht in sein Kerz auf, aber in sein Haus; er verschmäht ihnnicht, wenn er ihn hat, sondern hält ihn zusammen.
Offenbar hat der Weise, wenn er Vermögen besitzt, mehr Mittel,seinen Geist zu entwickeln, als wenn er arm ist. . . beim Reichtumist ein weites Feld eröffnet für Mäßigung, Freigebigkeit, Sorgfalt,Pracht und gute Verwendung ^Alberti schränkte das etwas ein,knickerig, wie er veranlagt war, indem er sagte: „Die Freigebigkeit,die einen Zweck hat, ist immer lobenswert"; selbst gegen Fremdekann man freigebig sein: „sei es um sich das Renommee der Frei-gebigkeit zu verschaffen (per karti conoscere nc>n avaro), sei es,um sich neue Freunde zu erwerben." Oella tarn., 237^ . . . Reich-tum erfreut, wie bei der Schiffahrt ein günstiger, fördernder Wind,wie ein guter Tag und in frostiger Winterszeit ein sonnigesPlätzchen . . . Einige Dinge werden einigermaßen geschätzt, anderesehr; zu diesen gehört unstreitig der Reichtum . . . Köre also auf,den Philosophen das Geld zu verbieten; niemand hat die Weisheitzur Armut verdammt. Ein Philosoph kann große Schätze haben,aber sie sind niemand genommen worden, sie sind nicht blutbefleckt,sie sind ohne Anrecht und schmutzigen Gewinn erworben ^Wie dieSachen in Wirklichkeit lagen: daß Seneca z. B. den Britanniernein Darlehn von 40 Mill. Sesterzen auf hohe Zinsen aufgedrungenhatte, dessen plötzliche und gewaltsame Eintreibung ein Grund zumAusstande der Provinz im Jahre 6V war, konnte man ja aus denSchriften nicht mehr ersehen! Jedenfalls machten sich die Albertiund seine Nachfolger diese Grundsätze selbst zu eigens . . . Käufedeine Schätze beliebig an, sie sind rechtmäßig" usw.
Das sind dieselben Gedanken, die fast alle Sittenlehrer desAltertums vertreten: zum Vergleich diene noch Ciceros Aus-spruch (2. äe Inv.) „das Geld erstrebt man nicht seiner eigenen