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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
„Die enge Verbindung, in welche hier kirchlich-religiöseTendenzen mit den kräftigsten Elementen eines Gemeinwesensgetreten waren, das sich von seiner Entstehung an im bewußtenGegensatz gegen das nichtitalienische Kaisertum und den dem-selben mit wenigen Ausnahmen zugetanen Adel auf ein Ge-werbe und Handel treibendes Bürgertum stützte, welches durchden rechtschaffenen Fleiß der Handwerker und Fabrikanten undden verschmitzten, rücksichtslosen, welterfahrenen Äandelsgeistgroßer Kaufleute und Bankiers zu einem der reichsten des Erd-balls heranwuchs, hat der Geschichte der Arnostadt ihre Sig-natur aufgedrückt, solange dieselbe eine für die KulturentwicklungEuropas hervorragende Bedeutung gehabt hat."
Llnd wir dürfen ohne weiteres annehmen, daß diese starkereligiöse Grundstimmung bei der großen Masse der Katholikenaller Länder, nachdem sie durch die Reformation meist eine Ver-stärkung erfahren hatte, anhielt sicher bis zum Ende der früh-kapitalistischen Epoche. Die Kaufleute und Industriellen des18. Jahrhunderts sind noch ebenso fromm wie die des 14. undleben „in der Furcht des Äerrn". Ihre Religiosität dringt bisin das Innere ihres Geschäftslebens ein. And Wendungenwie diese, die wir in deutschen Kaufmannsbüchern finden: „Eswird vornehmlich an einem Kaufmanne ein ehrlicher und tugend-hafter Wandel erfordert: unrecht Gut gedeiher nicht, da hingegendas Gut eines Frommen und Gerechten Wurzel schlüget, denGottes Segen mit sich führet und auf Kindes Kind fort-gepflanzet wird" — solche Wendungen kamen sicher aus derTiefe einer ehrlichen Überzeugung. Sie kehren immer und immerwieder. Der Profit ist ein „Segen Gottes", wie der „Kinder-segen" : „von Ihm empfangen wir alles: Er ist es, der unsereUnternehmungen segnet und gedeihen läßt", heißt es (ich führeeinen Ausspruch statt vieler an) in dem Haushaltungsbucheines französischen Tuchhändlers im 18. Jahrhundert. And