Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus
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Es ist bekannt, daß das gewaltige, die gesamte Kulturwelt um-spannende Steuersystem, das die Kurie namentlich seit dem13. Jahrhundert ausbildete, die Veranlassung bot, „aus der italieni-schen Kaufmannswelt als Oberschicht ein mächtiges, internatio-nales Bankiertum erwachsen zu lassen", das ein wichtigesFerment in dem kapitalistischen Entwicklungsprozesse zu bildenberufen war.
Was mir vielmehr vorschwebt, ist dies: den Einfluß auf-zuweisen, den der Katholizismus durch seine Lehre auf dieEntfaltung des kapitalistischen Geistes ausgeübt hat; den Ein-fluß also der katholischen Religion selbst.
Bei der Bewältigung dieser Aufgabe müssen wir uns rechtpeinliche Beschränkungen auferlegen. Es darf uns nicht in denSinn kommen, etwa den feineren Verästelungen oder den tieferenWurzelungen des katholischen Religionssystems nachzugehen.Das hieße die Lösung der Aufgabe erschweren. Denn wennauch zweifellos es reizvoller ist, die Antersuchungen nach dieserSeite hin auszugestalten, so würde eine derartige dogmatischeoder dogmengeschichtliche Problemstellung doch die Aufmerk-samkeit von dem Kern des Problems ablenken, das darin be-steht: den Zusammenhang aufzudecken zwischen den Lehren derReligion und der Seelenbildung der Wirtschaftssubjekte einerbestimmten Zeit. Für diese kommt aber irgendwelche religions-wissenschaftliche oder philosophische Finesse ganz und gar nichtin Betracht. Für diese ist allein von Bedeutung die Alltags-lehre, die massive, praktische Religionsübung. And mir scheint,wenn man das verkennt, so kann man zwar außerordentlich tiefeund namentlich den Philosophen und Theologen interessierendeEssays schreiben, wird aber Gefahr laufen, die tatsächlichenKausalzusammenhänge falsch zu deuten. Dieser Vorwurf, dieSache zu gut gemacht zu haben (im theologischen Sinne) trifftmeiner Ansicht nach die vielgerühmte Studie Max Webers