Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus
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Religion auf das Gehaben der wirtschaftenden Personen, kommtnun nur die erste Zweckstufe in Betracht. Für die praktischeBedeutung der christlichen Ethik ist es durchaus belanglos, daßin dieser einen wesentlichen Bestandteil die augustinische Ideeder Gottesliebe als „dem absoluten und höchsten, schlechthin ein-fachen sittlichen Zweck" bildet.
Wir haben uns somit nur mit der thomistischen Gesetzes-ethik zu befassen.
Die Grundidee dieser Ethik ist die Nationalisierungdes Lebens: das ewige göttliche Welt- und Naturgesetz derVernunft hat die Aufgabe, die Sinnlichkeit, die Affekte undPassionen auf den Vernunftzweck auszurichten und zu regeln.„Sünde in den menschlichen Tätigkeiten ist das, was gegen dieOrdnung der Vernunft sich richtet"; „je notwendiger etwas ist,desto mehr muß mit Rücksicht hierauf die Ordnung gewahrtwerden, wie solche durch die Vernunft festgestellt wird": wes-halb der Geschlechtstrieb, weil höchst notwendig für das Gemein-wesen, in besonders strenge Zucht zu nehmen ist""). Tugendheißt das Gleichgewicht bewahren, wie es die Vernunft vor-schreibt^»). Der vollendete Wesenscharakter der Tugend ist:daß das sinnliche Begehren (es ist von der concupiscentia dieRede) so der Vernunft Untertan ist, daß in ihm keine heftigen,der Vernunft entgegengesetzte Leidenschaften mehr entstehen 2").
In die natürliche, kreatürliche, triebhafte Welt wird eineaus Freiheit geborene, sittliche, vernünftige Welt gleichsam ein-gebaut. Die Bausteine dieser sittlichen Welt liefert das biblischanerkannte rationale Naturrecht, dessen Inhalt gerade erst durchden Thomismus mehr und mehr mit dem Dekalog gleichgesetztwird 262), das aber auch wesentliche Bestandteile der spät-griechischen Philosophie in sich aufgenommen hat.
Das wirksame Mittel, den Menschen zum „vernunftgemäßen"
Äandeln zu veranlassen, ist die Gottesfurcht: sie weckt in ihm
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