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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
sündhaft sind): Geiz (avantia) und Verschwendung (proäiMlitss)gleich fern bleibt, l-iberglitas mit „Freigebigkeit" zu übersetzengeht nicht an; „Wirtschaftlichkeit" würde eher den Sinn treffen,obwohl liberalitas einige Nuancen freier ist: sie ist gleichsamdie Vorstufe zur »Lancia massen-ia«. luberalitss ist vor allemdie Ordnung des Äaushaltens, der Einnahme und Ausgabe:»tenäit sci orciinsnciam propriam affectionem circa pe-cuniam possesssm et usu8 eius^°); sie lehrt die Kunst, dieirdischen Güter wohl zu gebrauchen: convenienter uti^');sctus liberslitatis est bene uti pecunm^); lehrt die rechteLiebe zum Gelde und zum Reichtum: consistit in meäio, quiasc. non exceäat nec cleficist 3 ciedito aiiectu et usu divitia-rum^°). Der Verschwender liebt das Geld zu wenig (minusdebito), der Geizige zu sehr 2""). In der strengen Verpönungeines zu großen Aufwandes^), namentlich eines solchen, der„über die Verhältnisse" zu leben zwingt^), liegt die Ver-pflichtung zur Sparsamkeit eingeschlossen; der Hinweis auf dieschlimmen Folgen der Verschwendung^) enthält im Kern dieEmpfehlung der (bürgerlichen) Einnahmewirtschaft und die Ver-werfung der (seigneurialen) Ausgabewirtschaft.
Aber nicht nur die Verschwendung: auch andere Feinde derbürgerlichen Lebensführung bekämpft die christliche Ethik undverdammt sie als Sünden. Vor allem den Müßiggang(otiositas), der auch für sie der „Anfang alles Lasters" ist. DerMüßiggänger sündigt, weil er die Zeit, dieses kostbarste Gut,vergeudet^); er steht tiefer als alle Kreatur; denn alle Kreaturarbeitet in irgendeiner Weise: nichts geht müßigt). Anto-ninus, der mit besonders beredten Worten eine gute Zeit-ökonomie predigt, weist auch den Einwand der Trägen als un-berechtigt zurück: sie wollten Gott schauen, wollten der Mariafolgen, nicht der Martha. Gott zu schauen, meinte er, seien nurwenige berufen. Die große Masse sei dazu da, werktätig zu sein.