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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus

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Neben der Inciustr^ und f^MAsIit^ wird auch die drittebürgerliche Tugend von den Scholastikern gelehrt: die k-ionest^:die Wohlanständigkeit, die Ehrlichkeit oder Ehrenhaftigkeit.

Ich glaube, daß wir eine sehr beträchtliche Menge dessen,was wir als kaufmännische Solidität einen wichtigen Be-standteil des kapitalistischen Geistes bilden sahen, dem Er-ziehungswerk der Kirche verdanken. Innerhalb der Grenzender Stadt: da wachte das Auge des Nachbars, wachte derZunftvorstand über die ehrliche und anständige Geschäfts-führung. Aber wenn sich die Beziehungen mit dem An-wachsen des Kapitalismus räumlich über weite Gebiete aus-dehnten, da war es doch schließlich das Gewissen des Kauf-manns, das ihn zur Solidität antrieb. And dieses Gewissen zuwecken, war die Aufgabe der Kirche. Sie tat es, indem sie alleunehrlichen Praktiken bei den Vertragsabschlüssen als Sündeverdammte: »Noitaliter peccant«, eine Todsünde begehen die-jenigen, diemit falschen Beteuerungen, Lügen und Zwei-deutigkeiten" Handel treiben^). Wie sehr es der Einfluß derKirche war, der die Geschäftswelt in ihren Anfängen mitSolidität erfüllte, läßt ein Wort wie das Albertis erkennen,wenn er ausdrücklich betont, daß nicht nur die Klugheit undder Scharfsinn seiner Familienangehörigen sie so hoch gebrachthaben, sondern auch die solide Geschäftsführung, für die sie Gottbelohnt habe 2-").

Aber wenn man aufmerksam die Schriften der Scholastikerdurchliest,vor allem das wunderbare, in seiner Monumentalität nurvon den Schöpfungen Dantes und Michelangelos erreichteWerk des ganz großen Thomas vonAquino, so empfängtman den Eindruck, als habe ihnen noch mehr als diese Er-ziehung zur Bürgerlichkeit und Wohlanständigkeit ein anderesErziehungswerk am Äerzen gelegen: die Erziehung ihrer Zeit-genossen zu aufrechten, mutigen, klugen, tatkräftigen Männern.