Neunzehntes Kapitel: Der Katholizismus
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alten Stils" noch lebendig sahen, die also bis zum Ende derfrühkapitalistischen Epoche geherrscht hat, die aber natürlich einfrisches und fröhliches Gewinnen keineswegs ausschloß. Eswar nicht sowohl das Ausmaß des Gewinnes, als vielmehr dieSinnesrichtung des kapitalistischen Unternehmers, die die kirchlicheMorallehre beeinflussen wollte. Was sie verhindern wollte und zuverhindern gewiß mitgeholfen hat, war die Amkehrung allerLebenswerte, wie sie sich erst in unserem Zeitalter vollzogen hat.
Als Grundton klingt aus allen Äußerungen der italienischenSpätscholastiker über ökonomische Dinge eine herzliche und ver-ständnisvolle Anteilnahme heraus an dem „Aufschwünge", dendas Wirtschaftsleben zu ihrer Zeit und in ihrem Lande nahm;wir müssen also in unserer Ausdrucksweise sagen: sie sympathi-sierten durchaus mit dem Kapitalismus . And diese Sympathieist offenbar einer der Gründe, weshalb sie mit solcher Zähigkeitan der kanonistischen Wucherlehre festhielten. Das „Zinsverbot"besagt in dem Munde der katholischen Moralisten des 15. und16. Jahrhunderts in fachtechnischer Terminologie: Ihr solltdas Geld nicht verhindern, sich in Kapital zu ver-wandeln.
Diese Ansicht: daß das Zinsverbot den stärkstenAnreiz zur Entwicklung des kapitalistischen Geistesenthielt, erscheint auf den ersten Blick paradox. And doch drängtsie sich bei einem leidlich aufmerksamen Studium der Quellenauf, so daß ich offen gestanden nicht recht begreife, warum nochniemand diese Zusammenhänge gesehen hat. Kommt es vielleichtdaher, daß meistens nur Nichtnationalökonomen diese Quellenbenutzt haben, denen jene begriffliche Schulung, die wir an denAntoninus oder Bernardus bewundern müssen, abging? FranzKeller, der wohl befähigt gewesen wäre, die Sachlage richtigzu beurteilen, hat sich gerade mit diesem — freilich wohl wich-tigsten! — Teile des Problems nicht befaßt.