Druckschrift 
Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
Seite
322
Einzelbild herunterladen
 

322

Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte

das Risiko mittragen zu wollen: der Zins, der ihnen bezahltwird, ist unerlaubt^').

Ganz besonders aber ist deshalb bei den Spätscholastikern dergewerbsmäßige Wucher verhaßt, der der Todfeind alles kapita-listischen Unternehmungsgeistes ist. Eine der schwersten Sündenist derGeiz", die avaritia, die nicht nur nicht dasselbe sonderngeradezu das Gegenteil eines normalen Gewinnstrebens ist. DerGeizige, der avarus, ist der Wucherer, den Antoninus mitwundervoller Darstellungskraft uns vor Augen stellt: wie er überseinen Schätzen hockt, vor Dieben zittert, abends seine Gold-stücke zählt, in der Nacht schreckhafte Träume hat und bei Tagenur auf Raub auszieht, trachtend, wen er in seine Netze ziehenkönne. (Wir müssen uns immer vergegenwärtigen, welche ge-waltige Rolle der Wucher in Gestalt des Konsumtivkredits inder damaligen Zeit bei der Liquidation der feudalen Gesellschaftgespielt haben muß.)

Aus dem Geize das müssen wir besonders beachten ^folgt unter andern Untugenden die Untätigkeit: die inertia:derGeiz, die Seelenstimmung des Wucherers, nimmt dem Geizigenalle Tatkraft hinweg, mittels deren er sich auf erlaubte und heil-same Weise Gewinn verschaffen könnte: der Wucherer wird träge,schlapp, müßig. And so wird der Mensch gezwungen, zu un-erlaubten Mitteln des Erwerbes seine Zuflucht zu nehmen" ^).

Äier verschlingt sich die Lehre vom erlaubten Gewinn mitder Lehre von den geistigen Tugenden: alles läuft auf denselbenGrundgedanken hinaus: das tatkräftige Unternehmertum ist Gott wohlgefällig; verschwenderische Nobili, schlappe Stubenhocker,müßiggehende Wucherer dagegen sind ihm ein Gräuel.