338 Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
doch wohl ausschließlich den Standpunkt der Gesetzesreligion alsden allein gültigen vertreten hat.
Jene Kritiken treffen mich also nicht. Aber ich habe michselbst in einem wichtigen Punkte zu verbessern.
Als ich mein Judenbuch schrieb, hatte ich mich noch nichteingehend mit der thomistischen Ethik beschäftigt. Ich habedaher viele Sätze der jüdischen Religion: wie die bedingte An-erkenntnis des Reichtums, vor allem aber die Forderung einergrundsätzlichen Rationalisierung der Lebensführung für aus-schließlich jüdisch gehalten und sie in einen Gegensatz zu denAuffassungen der (vorpuritanischen) christlichen Religion gestellt.Das war ein Irrtum. Jene für uns besonders wichtigenBestandteile des jüdischen Religionssystems, insonderheit derjüdischen Moraltheologie, sind zwar nicht durchgängig imfrüheren Christentum, wohl aber im Thomismus ebenfallsenthalten, wie die Darstellung im 19. Kapitel dieses Bucheserwiesen hat. Was uns gar nicht wundern kann, da ja derThomismus sich gerade dadurch kennzeichnet, daß er das jüdischeSittengesetz mit Entschiedenheit als Kern des göttlichen Natur-gesetzes anerkannt hat. Ebensowenig wie der Puritanismushat der Judaismus in den für uns wesentlichen Punkten etwasanderes gelehrt wie der Thomismus.
Trotzdem lassen sich bestimmte Züge im jüdischen Religions-system nachweisen, die ihm ein besonderes Gepräge geben unddadurch von der katholischen und protestantischen Religion unter-scheiden: wohl verstanden immer nur in denjenigen Bestand-teilen seiner Ethik, die uns hier angehen. Als das dem Judais-mus Eigenartige möchte ich die Tatsache ansehen, daß er diedem Kapitalismus zugute kommenden Lehren in aller Voll-ständigkeit enthält und mit aller Folgerichtigkeit ausgebildet hat.
So ist die Beurteilung, die die jüdischen Religionslehrendem Reichtum widerfahren lassen, zweifellos um verschiedene