Einundzwanzigstes Kapitel: Der Judaismus ZZg
Nuancen günstiger als selbst in den katholischen Sittenlehren.Kein Wunder, da ja die Gewährsmänner für den Juden dieWeisen des Alten Bundes sind, deren Auffassung in neunund-neunzig von hundert Fällen eine dem Reichtum und Wohlstandgünstige war, während sich die christlichen Moraltheologen dochimmer erst mit dem Armutsideal des Evangeliums auseinander-setzen mußten. Ein ausschließlich anerkanntes Armutsideal hates aber in der jüdischen Religion überhaupt nie gegeben.
Die Ausbildung des Rationalismus ist aber in der jüdischenReligion zweifellos eine strengere und weiter umfassende als inder katholischen Religion und ähnelt jener im Puritanismus.Insbesondere ist die Disziplinierung des Geschlechtstriebes, diezwar, wie wir gesehen haben, einen wichtigen Bestandteil auchder thomistischen Ethik bildet, doch erst im Judaismus undPuritanismus bis zu jener Höhe getrieben werden, wo sie eineSchauder erregende Karikatur wird.
Mit dem Puritanismus gemeinsam hat der Judaismusjene vollständige Ausmerzung alles künstlerischen Empfindens, dasim Thomismus noch so stark ist. Das zweite Gebot des De-kalogs ist von den Scholastikern so gut wie ganz unbeachtetgelassen worden, während es auf die judaistische Weltauffassungeinen bestimmenden Einfluß ausgeübt hat.
Was ferner der jüdischen Sittenlehre eine Sonderstellung in derEntwicklung des modernen Geistes verschafft, ist der wichtige Lim-stand, daß sie ihren Gehalt schon zu einer Zeit empfangen hat, alsdas Christentum noch in ganz anderen Bahnen wandelte. DasJudentum war reichtumsfroh, als die Christen noch im essenischenArmutsideal befangen waren, und die jüdische Moraltheologielehrte jenen rabiaten und extremen Rationalismus, als in denGemütern der Christen noch die paulinisch-augustinische Liebes-religion lebte. Alle die der Entfaltung des kapitalistischen
Geistes fördersamen Bestandteile der Ethik haben also im Juden-
22"