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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil dersittlichen Mächte am Aufbau des kapitalistischen
Geistes
Ä5ir haben in den voraufgehenden Kapiteln mit aller An-befangenheit, um nicht zu sagen: Naivität, von Einwirkungender sittlichen Mächte auf die Ausgestaltung des kapitalistischen Geistes gesprochen. Jetzt müssen wir uns einmal besinnen unduns die Frage vorlegen, mit welchem Rechte wir das getanhaben; ob wir denn auch für die Richtigkeit unserer Behaup-tungen einstehen können. Diese Frage ist mit dem, wasdie bisherige Darstellung gebracht hat, keineswegs schon inunserem Sinne entschieden. Denn was ich aufgewiesenhabe, ist die Tatsache: daß in zahlreichen Fällen — eineParallelität besteht zwischen bestimmten Erscheinungen deskapitalistischen Geistes und bestimmten Lehren der Philosophieund Religion.
Nun könnte man mir aber entgegenhalten: diese Parallelitätberechtige noch ganz und gar nicht, einen Kausalzusammenhangzwischen den beiden Reihen von Erscheinungen anzunehmen;vielmehr sei es sehr gut denkbar, daß der kapitalistische Geistaus anderen Quellen gespeist wurde, die ihm die gleiche Färbungverliehen haben, wie sie aus einer Beeinflussung durch ethischeGebote hätte erzielt werden können.
Ferner könnte eingewendet werden — und dieser Einwandliegt sogar recht nahe bei der in vielen Kreisen heutigentagsherrschenden Denkgewohnheit —: gut, mag ein Kausalzusammen-hang bestehen zwischen kapitalistischem Geist und sittlichen Vor-schriften, so ist es doch der umgekehrte wie der von euch an-genommene: nicht der kapitalistische Geist ist durch die sittlichenForderungen von Philosophie und Religion gebildet worden,sondern diese sind nichts anderes als eine „Spiegelung" der