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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
eigentümlichen wirtschaftlichen Verhältnisse, die in einer be-stimmten Wirtschaftsgesinnung ihren Ausdruck finden.
Es ist nicht meine Absicht, das mit der letzten Einwendungberührte Problem hier einer eingehenden Erörterung zu unter-ziehen. Was über die grundsätzlichen Beziehungen zwischenReligion und Wirtschaftsleben zu sagen ist, hat noch unlängstErnst Tröltsch in urteilsvoller Weise und mit weitestemEntgegenkommen gegen die Ideen der „materialistischen Ge-schichtsauffassung" zusammengestellt. Ich will mich vielmehr andieser Stelle damit begnügen, kurz meinen Standpunkt in dieserFrage zu bezeichnen, nur um von da aus den Spezialfall, deruns hier angeht, zu entscheiden, das heißt: den wahrscheinlichen„Anteil der sittlichen Mächte am Aufbau des kapitalistischenGeistes" einigermaßen genau abgrenzen zu können.
Wie auch immer man das Genie des Religionsstifters er-klären mag: damit eine Religion Wurzel schlage, müssen be-stimmte Vorbedingungen in der Llmwelt erfüllt sein. DieseVorbedingungen sind keineswegs nur ökonomischer, sondernmindestens ebensosehr biologisch-ethnologischer Natur. Vondem Gesamtzustande eines Volkes — seiner Blutsbeschaffen-heit und seinen sozialen Lebensverhältnissen — hängt es ab, obeine Religion (oder eine Philosophie, für die im kleineren Maß-stabe dasselbe gilt) aufgenommen wird, und durch den Gesamt-zustand eines Volkes wird die Entwicklung bestimmt, die dasReligionssystem im Laufe der Zeit durchmacht. Wir könnendas auch so ausdrücken, daß wir sagen: damit eine ReligionBoden fasse und sich in einer bestimmten Richtung entfalte,muH eine ..Disposition" im Volke vorhanden sein. „Wir könnenebensogut erwarten, daß Samen auf kahlem Felsen wachse,als daß eine milde und philosophische Religion unter unwissen-den und rohen Wilden eingeführt werden könne."
Die „Disposition" des Volkes wird nun, je mehr wir uns