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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw, Z51

der Gegenwart nähern, um so stärker durch die wirtschaftlichenZustände bestimmt, weil die wirtschaftlichen Interessen ^wenigstens im Ablauf der westeuropäischen Geschichte ^ einenimmer breiteren Raum im Seelenleben der Menschen ein-nehmen. Deshalb machen sich auch die Einwirkungen des Wirt-schaftslebens auf die Formen der Religion um so stärker fühl-bar, je jünger die Religion ist.

Wir können die Richtigkeit dieser Sätze, die ich für gründ-legend wichtig halte, leicht einsehen, wenn wir die Stärke in denBeziehungen der verschiedenen christlichen Neligionssysteme zudem Wirtschaftsleben der Zeitepoche, in der sie Leben ge-wannen, miteinander in Vergleich stellen.

Die Verbreitung der augustinischen Lehren mit irgendwelchenökonomischen Verhältnissen anders als negativ in Verbindungbringen wollen, heißt den Tatsachen geradezu Gewalt antun.

Etwas mehr tritt die Bedeutung der wirtschaftlichen Zu-stände schon für die Entwicklung des thomistischen Glaubens-systems hervor; namentlich scheint mir die Weiterbildung derscholastischen Sittenlehre im 14. und 15. Jahrhundert von derEntwicklung des Wirtschaftslebens nicht unwesentlich beeinflußtworden zu sein. Im wesentlichen aber dürfen wir annehmen, daßauch der Katholizismus des Spätmittelalters noch aus Quellengespeist worden ist, die nicht erst in der Zeit seiner Entstehungund nicht an den Orten seiner Entstehung aufgebrochen waren:wir sehen gar zu deutlich, wie er zusammenfloß aus religiösemErlebnis, Lebenserfahrung des Alltags, Weisheitslehren derSpätantike und Sittengeboten des Iudenvolkes.

Deutlich dagegen macht sich der Einfluß bemerkbar, den aufdie Ausgestaltung der kalvinistischen Richtungen des Protestantis-mus die fortgeschrittene kapitalistische Wirtschaft ausgeübt hat.Daß der Puritanismus schließlich die bourgeoise Lebensführunganerkannte als eine mit dem Gnadenstande verträgliche, ist ihm