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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw. Z5Z

Freilich: das waren dem Judaismus durchaus geläufige Vor-stellungen, wie ich in meinem Judenbuche ausführlich dargelegthabe. And wahrscheinlich hatten die puritanischen Theologenjene Bilder und Gleichnisse zuerst in den Schriften ihrer jüdi-schen Kollegen gefunden. Aber daß sie sie übernahmen, hattedoch seinen Grund in der Tatsache, daß das jüdisch-theologischeDenken eben dem kapitalistischen Wesen am meisten bereits an-gepaßt war, und daß es also in einer Zeit am Platze war, inder die Welt mit kapitalistischem Geiste sich wieder mehr er-füllte. Äätten die puritanischen Prediger in einer bäuerlich-feudalen oder handwerkerlichen Umgebung ihre Lehren verkündet,so wäre es einfach absurd gewesen, ihrer Gemeinde mit denBildern der Buchführung, des Kapitals und der Zinsen ihreGlaubenssätze eindringlich zu machen.

Aber und darauf kommt es an hat einmal ein Neli-gionssystem (und wiederum auch: ein Philosophiesystem) Wurzelgefaßt, dann wirkt zweifellos die in ihm zusammengefaßte undmit dem Nimbus des Übersinnlichen ausgestattete Lehre wiederumzurück auf das Leben und gewiß auch auf das Wirtschaftsleben.And es wäre seltsam, wenn nicht auch die Seelenstimmung derWirtschaftssubjekte durch derartig systematisch durchgebildete undautoritativ verkündete Sittengebote beeinflußt werden sollte.

Freilich: Auch diese Beeinflussung ist wiederum an die Er-füllung bestimmter Bedingungen geknüpft: eine persönlicher, einesachlicher Natur.

Die Bedingung persönlicher Natur, die erfüllt seinmuß, damit die sittlichen Mächte Einfluß auf das wirtschaft-liche Gebaren auszuüben imstande sind, ist diese: sie selbstmüssen Gewalt über die Seelen der Menschen haben. Die besteEthik wirkt natürlich nicht, wenn niemand da ist, der sie befolgenwill, weil er an sie glaubt. Daß diese Bedingung währendder ganzen frühkapitalistischen Epoche erfüllt war, haben wir

Sombart , Der Bourgeois 23