354
Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
selbst feststellen können: das Interesse für Philosophie in derZeit des Ninascimento, vor allem aber der stark religiöse Sinnin allen Ländern bis ins 18. Jahrhundert hinein sind verbürgteTatsachen.
Aber auch die notwendige Sachbedingung für die Wirk-samkeit der sittlichen Mächte war während der Epoche des Früh-kapitalismus erfüllt; ich meine die verhältnismäßig geringeL> öhe der kapitalistischen Entwicklung, die wir ebenfalls bereitsfestgestellt haben.
Solange ein Wirtschaftssystem erst aufgebaut wird, solangees von den freien Entschließungen einzelner Personen abhängt,wie sie wirtschaften wollen, solange haben selbstverständlichsittliche Lehren und aus ihnen fließende sittliche Maximen derhandelnden Menschen einen viel weiteren Spielraum für ihreBetätigung, als wenn erst die einzelnen Zweige des Wirtschafts-systems voll ausgebildet, die einzelnen Vornahmen mechanisiert,die einzelnen Wirtschaftssubjekte zwangsläufig in eine bestimmteVerhaltungslinie gedrängt worden sind.
Da wir nun aber während einer bestimmten Epoche, ebeninnerhalb der Epoche des Frühkapitalismus, beide Bedingungenerfüllt sehen, so denke ich, sind wir zu dem Schlüsse berechtigt,daß die sittlichen Mächte — Philosophie und namentlich Re-ligion —, mögen wir über die Art ihrer Entstehung denken,wie wir wollen, nun, nachdem sie einmal wirksam gewordenwaren, auch ihren Anteil an der Ausbildung des kapitalistischen Geistes gehabt haben, daß also jene Parallelerscheinungen, diewir in zahlreichen Fällen feststellen konnten: zwischen Sitten-lehre und Betätigung kapitalistischen Geistes in der von unsangenommenen Weise tatsächlich gedeutet werden dürfen, daßdas Moralgebot die Arsache , die Gestaltung des Verhaltensder Wirtschaftssubjekte die Wirkung war.
Was wir, wenn wir noch einmal rückschauen, vornehmlich