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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Zweiundzwanzigstes Kapitel: Der Anteil der sittlichen Mächte usw. ZZZ

als das Werk der sittlichen Mächte bei der Entfaltung deskapitalistischen Geistes ansehen dürfen, deucht mich folgendeszu sein:

1. Die Erzeugung einer dem Kapitalismus günstigen Grund-stimmung, wie man es nennen könnte: die Herausbildung einerrationalisierenden und methodisierenden Lebensauffassung, an derdie Philosophie der Spätantike ebenso wie alle drei Reli-gionen gleichmäßigen Anteil haben;

2. die Pflege der bürgerlichen Tugenden, die sich ebenfallsalle drei Religionssysteme ebenso wie die Weisen des Alter-tums mit gleicher Liebe haben angelegen sein lassen;

3. die Hemmung des Erwerbsstrebens und die Bindung derWirtschaftsgesinnung: wie sie die beiden christlichen Konfessionenpredigen und wie sie während der frühkapitalistischen Epochetatsächlich vorhanden sind. Wir können deshalb sagen, daß derKapitalismus bis zum Ende dieser Periode unter dem milderndenEinflüsse der christlichen Sittenlehre steht. Wer das nichtsieht, hat den Frllhkapitalismus in seiner Eigenart nicht be-griffen.

Es ist nun aber, wie wir sahen, ein besonderes Merkmalder jüdischen Ethik, daß sie (wenigstens im Verkehr mitFremden", der aber praktisch allein in Betracht kommt) jeneGrundsätze, durch die die christlichen Konfessionen hemmend undbindend das Wirtschaftsleben beeinflußten, nicht kennt. Dahersehen wir denn auch schon während der frühkapitalistischenEpoche allein die Juden die Schranken der alten Wirtschafts-sitte durchbrechen und für einen sowohl schranken- wie rücksichts-losen Erwerb eintreten. Diese Ideen sind dann aber Allgemeingutdes kapitalistischen Geistes erst in der Zeit des Äochkapitalismusgeworden, das heißt in einer Zeit, in der zumal in protestan-tischen Ländern die Stärke des religiösen Gefühles unstreitig

abgenommen hatte, und in der gleichzeitig sich der Einfluß des

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