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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
Judentums immer mehr ausgebreitet hatte. Sicherlich alsohaben auch an der Eigenart der hochkapitalistischen Entwicklungdie sittlichen Mächte, hat insonderheit die Religion schuld: diechristliche dadurch, daß sie nicht mehr wirkte, die jüdischedadurch, daß sie gerade noch wirkte.
Nun hieße es aber auf der anderen Seite den Einfluß dersittlichen Mächte auf das Wirtschaftsleben maßlos überschätzenwollte man sie für die gesamte Entwicklung verantwortlichmachen, die wir im kapitalistischen Geist seit dem Ende derfrühkapitalistischen Epoche sich haben vollziehen sehen. Mirscheint, daß gerade die Erwägungen, die wir eben angestellthaben und die uns dazu führten, eine nicht unbeträchtlicheWirkungssphäre der sittlichen Mächte anzunehmen, doch auchuns die Grenzen ihrer Wirksamkeit zu erkennen geben. Ichmöchte diese Grenzen wie folgt gezogen sehen:
1. auch solange die sittlichen Werte von den Menschenanerkannt werden, das heißt: solange diese (im weitesten Sinne)„gläubig" sind, ist die wirkungsvolle Betätigung der sittlichenMächte als Bildner des kapitalistischen Geistes (wie auch ihreEntstehung) an die Erfüllung gewisser Sachbedingungen geknüpft.
2. Auch solange die Menschen gläubig sind, sind die sitt-lichen Mächte keineswegs die einzigen Quellen des kapitalistischen Geistes. Sonst müßten gleiche Religionssysteme auch immerdenselben kapitalistischen Geist erzeugen, was keineswegs immergeschehen ist: Spanien , Italien I und derselbe kapitalistische Geistkönnte nicht aus verschiedenen Religionssystemen erwachsensein: Italien, Deutschland , Amerika I
Am einzusehen, daß die sittlichen Mächte nicht die einzigeQuelle des kapitalistischen Geistes sind, würde schon die Über-legung genügen, daß viele Seiten dieses Geistes und mancheFormen seiner Betätigung von ihnen ihrer Natur nach garnicht gebildet werden können. Wie man leicht zu einseitiger