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Zweiter Abschnitt: Die sittlichen Mächte
können. Es sind das jene Bestandteile, die wir im weitestenSinne als „Tugenden" bezeichnen können: Tugenden desGeistes, Tugenden des Charakters, die sämtlich wiederum aufeine Disziplinierung unseres natürlichen Wesens hinauslaufen,auf Zucht: des Intellektes und des Willens.
Diese Tugenden können erworben werden, und der Weg zuihnen führt über die Anerkenntnis und Befolgung bestimmtersittlicher Normen, wie sie die Ethik lehrt. Daß auch der Erwerbdieser Tugenden eine bestimmte Blutsveranlagung zur Voraus-setzung hat, daß er der einen Natur leichter sällt als der anderen,weil sie besser „disponiert" ist, wollen wir dabei nicht ver-gessen. Immerhin: hier ist das eigentliche Wirkungsgebiet fürdie sittlichen Mächte und ihr „Erziehungswerk".
Aber außer den Tugenden stecken, wie wir wissen, im kapi-talistischen Geiste noch andere Bestandteile, von denen die einenüberhaupt nicht erwerbbar sind, weil sie angeboren sein müssen:das sind die Talente, die besonderen Veranlagungen zumwagenden Anternehmer, zum geistvollen Spekulanten, zum ge-schickten Rechner. Keine sittliche Macht der Welt kann auseinem Troddel ein Genie machen; keine aus einem Träumereinen Rechner. Auch Talente freilich können „ausgebildet"werden; und Talente können (durch Auslese) vermehrt und ge-steigert werden: weder an ihrer Ausbildung noch an ihrer Aus-lese sind aber die sittlichen Mächte beteiligt.
Endlich fanden wir im kapitalistischen Geist neben Tugendenund Talenten noch Techniken: Fertigkeiten zur Bewältigungder Geschäfte, rechnerische, organisatorische Fertigkeiten, aufderen Erwerbung ebenfalls die sittlichen Mächte ohne Einflußsind, die vielmehr durch Unterricht gelehrt werden müssen.Wiederum: der sittlich vollkommenste Mensch wird ein schlechterkapitalistischer Unternehmer sein, wenn er seine Bücher nacheinem falschen Systeme führt und wenn er in seiner Kalkulation