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Der Bourgeois : zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen / Werner Sombart
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Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Staat

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der Staat durch die Ausbildung des Staatskirchentums vor-nehmlich den Begriff und die Erscheinung des Ketzers oderÄeterodoxen als einer politischen oder sozialen Kategorie schuf.Womit gesagt sein soll, daß in den modernen Staaten zweiKategorien von Bürgern: Vollbürger und Äalbbürger je nachihrem Glaubensbekenntnis unterschieden wurden, von denen dieeinen also: die Mitglieder der Landeskirche, im vollen Besitzealler bürgerlichen Rechte waren, während alsKalbbürger" dieMitglieder anderer Konfessionen galten, denen namentlich derZugang zu den öffentlichen Ämtern und Würden gesperrt odererschwert war. Äberall waren Äalbbürger in diesem Sinne dieJuden bis ins 18. Jahrhundert hinein und meist darüberhinaus; in den katholischen Ländern waren es außerdem nochdie Protestanten; in den protestantischen Ländern umgekehrtdie Katholiken und die nicht zur Staatskirche gehörigenRichtungen, in Großbritannien also die Presbyterianer, dieQuäker usw.; in den presbyterianischen NeuenglandstaatenAmerikas die Anhänger der lMK dkurcli usw.

DiesesKetzertum" als solches, ganz unabhängig vondem Bekenntnis selbst, das als ketzerisch angesehen wurde, müssenwir nun offenbar als eine wichtige Quelle des kapitalistischen Geistes gelten lassen, weil es mächtig das Erwerbsinteressestärkte und die geschäftliche Tüchtigkeit steigerte. And zwar ausnaheliegenden Gründen: von der Anteilnahme am öffentlichenLeben ausgeschlossen, mußten die Häretiker ihre ganze Lebenskraftin der Wirtschaft verausgaben. Diese bot ihnen allein dieMöglichkeit, sich diejenige angesehene Stellung im Gemeinwesenzu verschaffen, die ihnen der Staat vorenthielt. Es konnte garnicht ausbleiben, daß in diesen Kreisen derAusgeschlossenen"die Bedeutung des Geldbesitzes höher bewertet wurde als untersonst gleichen Amständen bei den anderen Bevölkerungsschichten,weil für sie ja das Geld den einzigen Weg zur Macht bedeutete.