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Dritter Abschnitt: Die sozialen Umstände
2. Eine Vermehrung des Geldvorrats pflegt meist Äand inÄand zu gehen mit einem Anwachsen der Einzel-vermögen: die größeren Geldmengen häufen sich an einzelnenStellen stärker an. Diese Vergrößerung der Vermögen wirktnun aber nach einer bestimmten Seite hin fördernd auf dieEntfaltung des kapitalistischen Geistes: sie steigert die Geld-gier, die wir als die Mutter dieses Geistes kennen gelernt haben.
Es ist scheinbar in dem Wesen der menschlichen Psyche be-gründet, daß die Vergrößerung des Besitzes den Wunsch nachmehr in uns wachruft. Diese Beobachtung hat man zu allenZeiten und bei allen Völkern gemacht:
„Je mehr der Mann des Guts gewinnt,Ze mehr das Gut er wieder minnt ..."
reimt Fr ei dank. And bei den römischen Dichtern finden wirschon denselben Gedanken ausgesprochen:
»Oe8cit amor nummi, quantum ipsa pecunia Lre8Lit«,sagt Iuvenal (Sat. 14);
»Lrescentem gequitur cum pecunism maiorumque fame8«Äoraz (Iib.3 c. 16).
»Oe vrs^: ce n'est p38 la dielte, c'e8t plutot I'abonclancequi prociuit I'svarice« — meint Montaigne .
And die Erfahrungen des täglichen Lebens ebenso wie dieder Geschichte bestätigen die Nichtigkeit dieser Beobachtungen.
Darum begegnet uns im Mittelalter die Geldgier und dieErwerbssucht am frühesten bei denen, die zuerst in den Besitzgroßer Geldmengen gekommen sind: beim Klerus und bei denJuden.
Äaben wir in dieser schlichten psychologischen Tatsache dieErklärung vor uns für die Anendlichkeit des Gewinnstrebens,das schließlich, wie wir sahen, den modernen Wirtschafts-menschen beherrscht? Eine der Wurzeln dieses Gewinnstrebensliegt hier sicherlich bloß. Andere werden wir noch kennen lernen.