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Geleitwort.
fassenden Werkes, das gerade auch Vorgänge im socialen Lebender Gegenwart zur Darstellung bringen will, ist aber heutigentagsvielleicht auch noch aus einem besonderen Grunde dienlich undfördersam; deshalb: weil es eine deutliche Vorstellung von der Ge-sinnungsart seines Verfassers giebt, will sagen, von vornherein zumAusdruck bringt, dafs es seiner Meinung nach nur so viel „Rich-tungen“ unter Vertretern auch der socialen Wissenschaft giebt, alsMethoden der Forschung bestehen. Es weckt damit gleichzeitigim Leser die rechte Gemütsverfassung, in der das Buch gelesensein will, erzeugt, meine ich, jene Indifferenz gegenüber allenWerten, die nicht Erkenntniswerte sind, reinigt somit sein Urteils-vermögen von den häfslichen Beimischungen politischer oder wasweifs ich welcher anderen unwissenschaftlichen Interessiertheit. Indiesem Sinne bitte ich die folgenden, skizzenhaften Bemerkungenaufnehmen und in wohlwollende Erwägung ziehen zu wollen.
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Wenn ich den gegenwärtigen Stand der socialen Wissenschaftrecht übersehe, so weist er etwa dieselben Merkmale auf, wie dierechtswissenschaftliche Forschung in dem Augenblick, als Lassallesein „System“ erscheinen liefs (1861), oder wie die Naturwissen-schaft damals, als Goethe die „Morphologie“ veröffentlichte (1807);will sagen, die Merkmale eines Konfliktes, wie Goethe es nannte,zwischen zwei grundverschiedenen Weisen, die Dinge zu sehen.„Dem Verständigen, auf das Besondere Merkenden, genau Beobach-tenden, auseinander Trennenden ist gewissermafsen das zur Last,was aus einer Idee kommt und auf sie zurückführt. Er ist inseinem Labyrinth auf eine eigene Weise zu Hause, ohne dafs ersich um einen Faden bekümmerte, der schneller durch und durchführte; und solchem scheint ein Metall, das nicht ausgemünzt ist,nicht aufgezählt werden kann, ein lästiger Besitz; dahingegen der,der sich auf höheren Standpunkten befindet, gar leicht das Einzelneverachtet, und dasjenige, was nur gesondert ein Leben hat, in einetötende Allgemeinheit zusammenreifst 1 .“ Will man für den hiermit Meisterschaft geschilderten Gegensatz aber ein Schlagwort prägen,so wird man etwa sagen können, dafs Empirie und Theoriein einen Gegensatz zu einander geraten seien; nicht nur in jenen,wie man sagen darf, natürlichen Gegensatz, der vermutlich immerzwischen einer mehr abstrakt-generellen und einer mehr konkret-
1 Goethe, W. W. Cotta. 1881. 14, 2.