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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
XI
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Geleitwort.

XI

individuellen Auffassung vom socialen Geschehen entsprechend derverschiedenen Veranlagung denkender Menschen bestehen wird,sondern in einen feindlichen Gegensatz, wie er für die gedeihlicheFortentwicklung der socialen Wissenschaft ein Hindernis werdenmufs. Es stehen sich heute schroff gegenüber die Nur-Empiriker,denen jede Theorie lästig oder geradezu verhafst ist, und die Nur-Theoretiker, denen die Fühlung mit dem Leben abhanden gekommenist, oder die diese Fühlung niemals besessen haben.

Wenn das Werk, in das dieses Geleitwort den Leser einführensoll, den Versuch unternimmt, einen Beitrag zum Ausgleich jenesempfindlichen Gegensatzes beizusteuern, so hat sein Verfasser denMut zu diesem kühnen Unterfangen aus der Überzeugung her-geleitet, dafs seine von der herrschenden in mehrfacher Hinsichtabweichende Auffassung, die er vom Wesen der socialen Theoriesich gebildet hat, vielleicht imstande sei, über Schwierigkeiten hin-wegzuhelfen, die heute als unüberwindliche gelten.

Dafs alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung an-fange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Er-kenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähees nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils vonselbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandsfähigkeit inBewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zutrennen und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Er-kenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heifst?Stehen diese goldenen Worte, die dieKritik der reinen Vernunfteinleiten, über dem Thore, das zualler unserer Erkenntnis führt,so sollte der Socialwissenschaftler nicht erst nötig haben, ausdrück-lich an sie zu erinnern. Aber es ereignet sich alle Tage wieder,dafs uns von irgend einem ungeschulten Kopfe ein ökonomischesoder socialesSystem geboten wird, das aus einigen willkürlichenPrämissen das sociale Geschehen glaubt ableiten zu können, wieman den Seidenfaden aus dem Cocon abhaspelt. Die fürchterlichenTheorien ohne Anmerkungen! Demgegenüber ist mit Entschieden-heit immer wieder festzustellen, dafs die sociale Wissenschaft imeminenten Sinne eine empirische Wissenschaft ist, die jede einzelneihrer Erkenntnisse auf der unmittelbaren Anschauung der lebendigenVorgänge auf bauen mufs. Unsere Wissenschaft kann niemals aneinem Übermafs empirischen Wissensstoffes kranken. Auch heuteist es eher ein Mangel an brauchbarem Thatsachenmaterial, der unsbedrückt, als ein Überflufs daran. Was den meisten Vertreternunserer Wissenschaft, auch den sogen, realistisch-historisch-empiri-