XVIII
Geleitwort.
verzichten müssen aus dem aufserordentlich trivialen Grunde, weilwir kein Objekt besitzen, auf das wir jene strenge Gesetzmäfsig-keit anzuwenden in der Lage sind. Während es das Wesen dernaturwissenschaftlichen Betrachtung ist, die ihr unterworfenenPhänomene in ihren Beziehungen zu einander als konstant sichvorzustellen, mufs die sociale Wissenschaft mit der elementarenThatsache rechnen, dafs sie in jedem Augenblicke neuen Erschei-nungen gegenübersteht, wie sie aus der unausgesetzt (insbesonderedurch die einem steten Wechsel unterworfene äufsere Regelung dessocialen Zusammenlebens) neu geschaffenen Bedingtheit der Einzel-phänomene sich ergiebt. Wollte man aber etwa die jenen Wechselselbst bedingenden Umstände in Gesetzform ausdrücken, so würdeman sehr bald finden, dafs man einige wenige, allgemein mensch-lich vielleicht sehr bedeutsame, aber doch in ihrer Abstraktheitüber das sociale Leben nur wenig aussagende Wahrheiten zu Tagegefördert hätte.
3. Diese Erwägungen werden in der Einsicht gipfeln, dafs wiruns (wie so viele andere Wissenschaften) mit einem Kompromifsbegnügen müssen, der seinen Ausdruck findet in der Aufstellungeiner specifischen socialen Gesetzmäfsigkeit mit beschränktem Gel-tungswert, die aber doch ein Maximum der unserer Vernunft er-reichbaren Allgemeinheit und Notwendigkeit darstellt.
W enn ich nun im folgenden angebe, in welcher Weise ich mirsolcherart sociale Gesetzmäfsigkeit denke, d. h. (was i»meiner Auffassung gleichbedeutend ist) das Wesen der socialenTheorie zu kennzeichnen versuche, so bitte ich an dieser Stelleden geduldigen Leser, ganz besonders bemerken zu wollen, dafs esmir hier einstweilen nur um eine aphoristische Skizzierung der Be-handlung des Problems zu thun ist, während ich dessen gründlicheErörterung späteren Auseinandersetzungen Vorbehalte.
Das erste, was mir der Betonung wert erscheint, ist dieses:dafs wir uns niemals verleiten lassen sollten, als letzte Ur-sachen, auf die wir sociales Geschehen zurückführenwollen, etwas anderes anzusehen, als die Motivation leben-diger Menschen. In dieser Forderung begegne ich mich wohlmit der gemeinen Meinung. Gleichwohl erscheint ihre ausdrück-liche Hervorhebung nicht überflüssig, weil immer wieder gelegent-lich gegen dieses oberste Gebot unserer Wissenschaft gesündigtwird, wie ich an geeigneter Stelle im Verlauf dieses Werkes nochauszuführen Gelegenheit haben werde. Der Gründe, weshalb wirüber die psychologische Motivation in der Suche nach letzten, pri-
V-JS«.