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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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Zweites Kapitel. Betrieb und Betriebsformen.

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Zusammenfassung mehrerer isoliert arbeitender Hausindustriellenzu einem Betriebe erfolgen; sobald nämlich die interne Leitung derArbeitsverricbtung eine einheitliche wird. Das würde ich beispiels-weise behaupten für eine Organisation, wie sie etwa Thun als derälteren Kref'elder Seidenindustrie eigentümlich uns geschildert hat.Dortstellte die Firma bei eintretendem Bedürfnis einen Webstuhlneu in der Wohnung des Meisters auf, ihm wurden dann Gesellenr zugeteilt, für deren Beaufsichtigung er einen Teil am Weblohn er-hielt.bei schlechtem Geschäftsgänge wurde der 5., 4., 3. Stuhl

bei den gröfseren Meistern stillgesetzt und ihnen die Arbeitszeitbestimmt. Eine Kontrolle war in dem Städtchen leicht auszuüben 1 .Ebenso könnte man versucht sein, den Betrieb der verschiedenenHandwerksmeister mancher mittelalterlichen Zunft als einen an-zusprechen. Denn oft erstreckte sich das Aufsichts- und Kontroll-recht der Zunft nicht nur auf die Qualität der Ware, die Zuziehungvon Hilfskräften, die Nutzung von Arbeitsmitteln, sondern auch aufdie Arbeitszeit, deren Anfang und Ende, ihre Pausen etc.InAachen ertönte um 11 Uhr vormittags und um 9 Uhr abends eineGlocke, auf deren Läuten alle Tucharbeiten eingestellt werdenmufsten 2 . Ist das nicht einheitliche Leitung des Arbeitsprozesses ?

Umgekehrt wiederum können unter einem und demselben Dach,in einer und derselben Stube zwei oder mehrere Betriebe sich ab-spielen. Ich denke im letzteren Falle an zwei Nähmamsells oderzwei Sitzgesellen, die in demselben Zimmer doch möglicherweisevöllig verschieden geartete und disponierte Arbeitsprozesse verrichten.Aber wie oft begegnen wir auch in einem industriellen Etablissementabgeschlossenen Arbeitsverrichtungen, die ganz deutlich das Merk-mal eines selbständigen Betriebes in einem andern an sich tragen.Wenn beispielsweise eine mit einem Patent arbeitende Bleicherei in eine Spinnerei eingeschlossen ist, an deren Spitze ein eigensengagierter Sachverständiger steht, die ihre besonderen Arbeitszeitenhat, die bald das Gespinst der Einen, bald das der andern Spinnereibleicht: so müssen wir uns dafür entscheiden, hier einen selb-ständigen Betrieb zu sehen. Ebenso, wenn wir auf einem Schlacht-f hofe einer Häutesalzerei oder einer Talgschmelze 3 begegnen.

1 A. Thun, Industrie am Niederrhein. I (1879), 87 f.

2 A. a. 0. S. 10/11.

3 Im Bericht über die Verwaltung des städtischen Schlacht- und Vieh-hofs zu Breslau für 18961898 heifst es beispielsweise:Die Talgschmelzeist an die Breslauer Produkten-, Spar- und Darlehnsbank auf zehn Jahre ver-pachtet. Gegenstand der Verpachtung ist nur die für diesen Zweck errichtete