Druckschrift 
1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen
 

70

Einleitung. Die Organisation der wirtschaftlichen Arbeit.

ohne dem Gedanken Ausdruck gegeben zu haben, dafs ich siesoweit es sich um wirtschaftliche Organisation handelt fürverhältnismäfsig wertlos erachte zum Zwecke tiefdringender wissen-schaftlicher Erkenntnis. Eine Systematik hat hier lediglich dieAufgabe, rasch oberflächlich zu orientieren, über das innereWesen der Erscheinungen sagt sie wenig aus. Ganz im Gegen-satz zu der Lehre vom Betrieb und seinen Formen, die sich ineiner starren Systematik fast völlig erschöpft. Der Grund diesesUnterschiedes ist ersichtlich: er liegt in der historischen

Färbung der Wirtschaftsorganisation. Diese wird es immer als ver-fehlt erscheinen lassen, eine einheitliche Systematik, die für allegeschichtliche Mannigfaltigkeit gleichmäfsig Geltung beansprucht,aufstellen zu wollen.

Jede Systematik der wirtschaftlichen Organisation, die Anspruchauf wissenschaftliche Brauchbarkeit erhebt, wird sich vielmehr aufdas Wirtschaftsleben einer bestimmten, empirischenGeschichtsepoche beschränken müssen: z. B. das derwesteuropäischen Völker während des Mittelalters und der Neuzeit.Nur diese eigenartig bedingte Wirtschaft einer Zeitepoche wirdeine Systematik der wirtschaftlichen Organisation meistern können,ohne allzu grofse Gefahr einer Vergewaltigung der thatsächlichenErscheinungen. Aber auch mit dieser Einschränkung ist noch nichtalles gegen ein Schema der Wirtschaftssysteme etc. gesagt, wassich sagen läfst. Es ist vielmehr noch mit Nachdruck hervorzu-heben, dafs auch in dem umschriebenen Sinne eine Systematik erstfruchtbar wird, wenn sie der genetischen Betrachtungs-weise einen möglichst weiten Spielraum läfst. Wenn sie zwarWirtschaftssysteme in strenger systematischer Gedankenfügung alsAusgangspunkt ihrer Untersuchung nimmt, diese aber nun in derWeise gestaltet, dafs sie ihr Hauptaugenmerk auf das allmählicheWerden (systematische wie historische) eines Wirtschaftssystemsgerichtet hält. Alsdann wird die Gruppierung des empirischenStoffes in dieser Weise zweckmäfsig am besten zu erfolgen haben:man beobachtet die in einer Zeit zu Tage tretenden herrschendenMotivreihen der Wirtschaftssubjekte, die Wirtschaftsprincipien, undsucht aus den Zwecksetzungen jener sich die Eigenarten des ge-samten, ihnen entsprechenden Wirtschaftssystems synthetisch auf-zubauen, bezw. in ihrer empirischen Verwirklichung zu erklären:systematisch-genetische Betrachtungsweise. Alsdann beobachtet man,dafs neben den herrschenden Wirtschaftsprincipien neue zur Gel-tung sich durchzuringen versuchen, die allmählich die gesamte Wirt-