Druckschrift 
1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

76

Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

hin die Definition bei Grimm als unzureichend anzusehen, so un-zweifelhaft richtig und fein sie ist. Aber sie ist speciell fürunsere Zwecke zu weit, weil ihr die specifisch ökonomischeBeziehung fehlt. Ein Handwerker im Sinne von Grimm (2),auch wenn wir nur an die gewerblichen Arbeiter im engerenSinne, d. h. im Sinne der Stoffveredelung oder Bearbeitungdenken, ist ebensogut der indische Dorfschmied wie der Schmiedin den Villen Karls des Grofsen, ebenso der Handwerker einerStadt des Mittelalters wie der ebenfalls noch heute Handwerkergenanntegelernte Arbeiter in einer modernen Fabrik. Wennnun in Grimms Wörterbuch zum Belege der daselbst unter 2 ge-gebenen Deutung auch folgende Stellen angeführt werden: Möser,Patriot. Phant. 1, 31:Der Verfall der deutschen Handlung zogden Verfall des Handwerks nach sich, oder Goethe 22, 171:(das Theater) hat einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz,weder als Kunst noch als Handwerk noch als Liebhaberei verleugnenkann; oder Möser 3, 124nun treten die Jahre heran, worin dieKnaben entweder zur Handlung oder zum Handwerk bestimmtwerden u. a., so mufs denn doch der BegriffHandwerk in einemwesentlich anderen Sinne gefafst werden. Denn offenbar kommtin allen den angeführten Stellen die Betonung eines bestimmtenZweckes zum Ausdruck, dem dasdauernd betriebene Gewerbedienen soll. Und dieser Zweck ist ein ökonomischer. Genaueralso gesprochen: in jenen Citaten wird Handwerk

4. im Sinne einer bestimmten historischen Organisation einesdauernd betriebenen Gewerbes, im Sinne einer bestimmten Wirt-schaftsform nach unserer Terminologie gebraucht. Und um dieExistenz dieser Sonderbedeutung des WortesHandwerk zu er-weisen, bedarf es nicht einmal zum Belege bestimmter Citate: Derallgemeine und insbesondere nationalökonomische Sprachgebrauchunterscheidet sehr wohl denHandwerker in einer kapitalistischen Unternehmung von demHandwerker des Mittelalters, dem Hand-werker, wie wir versucht sind hinzuzufügen,im eigentlichen Sinne.Wollen wir nun eine annehmbare Definition des Handwerks,sagen wir im ökonomischen Sinne, geben, so werden wir sie etwawie folgt formulieren können:

Handwerk (im engeren Sinne) ist diejenige Wirtschaftsform, diehervorwächst aus dem Streben eines gewerblichen Arbeitersseine zwischen Kunst und gewöhnlicher Handarbeit die Mittehaltende Fertigkeit zur Herrichtung oder Bearbeitung gewerb-licher Gebrauchsgegenstände in der Weise zu verwerten, dafs er