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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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87
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Fünftes Kapitel. Das Wesen d. liandwerksmäfs. Organisat. d. Gewerbes. 87

Reisers sog.Reformation des K. Sigmund, aus denen das Leit-wort für dieses Buch gewählt wurde,wolt ir aber hören, waskaiserlich recht gepuitet, heifst es da 1 , unser vordem sindnit naren gewessen es sind hantwerck darumb erdacht dasyederman sein täglich brot darmit gewin und sol niemant demandern greiffen in sein hantwerck. damit schickt die weit ir not-turft und mag sich yederman erneren. Es ist dieselbe Tendenz,die in der englischen Gesetzgebung 1363 unter Eduard III. als all-gemeines Princip anerkannt wurde, die die gesamte französischeGesetzgebung durchzieht 2 und bis heute die Gedankenwelt desHandwerkers beherrscht 3 .

Wiederum ist aber davor zu warnen, das Streben nach demstandesgemäfsen Unterhalt, derNahrung, etwa als ein Strebennach ökonomischer Gleichheit aufzufassen. Auch hier in derZwecksetzung war sich der Handwerker jederzeit der thatsäch-lichen Vermögensunterschiede wohl bewufst, und es ist nur dasSinnen darauf gerichtet:dafs jeder bestehen könne, arm undreich.

Aber der Handwerker will sein Auskommen haben und dabeiein freier Mann sein, d. h. als selbständiger Produzent be-stehen können. Diese Selbständigkeit ist es erst, die den Hand-werker im eigentlichen Sinne von ebenfalls gewerblichen Arbeiternanderen ökonomischen Charakters unterscheidet.

Was aber ists, das diese Selbständigkeit ausmacht?

1 Vgl. Willy Boehm, Friedrich Reisers Reformation des K. Sigmund.(1876) S. 218, auch S. 45 f.

2 Vgl. z. B. Martin-S t.-L6on, Hist, des corpor. etc. 126 ff.

3 Der AusdruckNahrungen wird häufig im Sinne von Handwerk ge-

braucht; auch im Holländischen, im alten Brügge , unterschied man vryegroote neeringe etc. Karl Hegel , Städte und Gilden der germanischenVölker im Mittelalter. 2 Bde. 1891. 2, 191. Besonders charakteristischsind auch die folgenden Sätze der SchriftEyn cristlich ermanung(Ms. mitgeteilt bei Job. Janssen, Geschichte des deutschen Volkes l 18 ,[1897], 387):Der Mensch soll arbeiten umb der rechten Ehre Gottes

willen, der es gebotten und umb den Segen des Fleisches zu haben, derin der Seele liegt. Auch umb zu haben, was uns und den Unsrigenzum Leben not und auch wol was zu cristenlicher Freude gereicht; nitminder aber auch, umb den Armen und Kranken mitteilen zu könnenvon den Früchten unserer Arbeit. . . . Und wer nit darnach trachtetund nur suchet Gelt und Reichtumb zu Sparren mit sin Arbeit,der handelt schlecht und sin Arbeit ist Wucher; wie denn der hl.Augustinus sagt: du solt nit wuchern mit diner Hende Werck, denndin Seel geht daby verloren.