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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
Eine Art Klosterwirtschaft scheint im jüdischen Tempelzu Jerusalem zu Jesu von Nazareth Zeiten geherrscht zu haben.
Wir hören wenigstens, dafs an Ort und Stelle die Schaubrote her-gestellt und die Opfertiere geschlachtet wurden; dafs es im TempelSpecialärzte, Brunnenmeister, Garderobenmeister, Lampendocht-besorger, Kunstweber, sowie „Meister uud Gehilfen der ver-schiedensten Gewerbe“ gab, ‘die hier arbeiteten und aus derTempelkasse bezahlt wurden 1 . >
Ebenso wenig aber wie diese gewerblichen Arbeiter in dengeschlossenen Eigenwirtschaften Handwerker im ökonomischen Sinnesind, ebenso wenig sind es die beauftragten Demiurgen in ge-schlossenen Dorfwirtschaften. Aus der Kategorie derHandwerker in unserm Sinne scheiden also weiter aus zahlreicheBeispiele aus Homer, wo die „Handwerker“ lediglich gewerblicheArbeiten im Dienste ihrer Gemeinde ausführen und in nichts vonden übrigen Gemeindebeamten verschieden sind 2 ; es scheidet vorallem aus das ganze indische „Handwerkertum“. Es ist bekannt,dafs im früheren Indien ganz allgemein, teilweise noch heute inden Dörfern ein Stab von angestellten Gemeindebeamten im Diensteder Gemeindeangehörigen thätig war: der sog. „Artizan Staff“.
Wir finden unter ihnen den Stellmacher, den Grobschmied, denSchuhmacher, den Töpfer, den Barbier, den Washerman, den Götzen-reiniger, den Schmied u. s. w., ganz eben solche Verrichtungen also,wie sie anderswo den Handwerkern obliegen. Was sie von diesenunterscheidet, ist, wie gesagt, ihre ökonomische Stellung: sie sindnicht „Sülvesherrn“, „sui proprii domini“, wie sich die „freien“
Handwerker des Mittelalters zum Unterschied von den Fronhof-arbeitern 3 nannten, sondern Angestellte der Gemeinde 4 .
Als Beamte und zwar Staatsbeamte und nicht als Handwerkerim ökonomischen Sinne möchte ich aber auch die Mitglieder der
1 Delitzsch , Jüdisches Handwerkerleben z. Z. Jesu. 3. Aufl. 1879.
S. 17/18.
a Eine gute Darstellung enthält A. Riedenauer, Handwerk und Hand-werker in der homer. Zeit. 1873.
3 Wehrmann, Die ält. Lüb. Zunftrollen (1864) 260, 317. r
4 Uber indisches „Handwerkerleben“ vgl. Sir H. Sumner-Maine ,
Yillages communities in the east and west. 3. ed. 1876. Aus der neuerenLitteratur ragen hervor: B. H. Baden-Po well, Indian Village Community..
1896. Idem, A study of the Dakhan Yillages etc. (Journal of the RoyalAsiatic society. 1897). W. Crooke , The North-Western Provinces of India.
1897. Cr. schildert hauptsächlich das Verschwinden der alten Dorfhandwerkeunter der englischen Herrschaft.
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