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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
Selbständigkeit also insofern aufgeben, als sie sich dem Kommandoeines fremden Betriebsleiters unterstellen: dafs der Handwerkersein eigener Betriebschef ist, ist es, was ihn von allen modernengrofsindustriellen sog. Handwerkern unterscheidet.
Aber auch der moderne Hausindustrielle ist sein eigenerBetriebschef und doch nicht Handwerker. Es gehört also nunnoch ein weiteres dazu, um die dem Wesen des Handwerks ent-sprechende ökonomische Selbständigkeit zu gewährleisten: der Hand-werker mufs nicht nur seine Arbeit verwerten können, wo und wieer will, er mufs nicht nur Herr in seinem Betriebe sein, er mufsendlich auch den Produlctionsprozefs als Ganzes eigenmächtig leitenund darf nicht nur ausführendes Organ eines Dritten, des eigent-lichen Produktionsorganisators, etwa des kapitalistischen Unter-nehmers, geworden sein. Es wird später sich häufiger Gelegenheitbieten, festzustellen, ob ein gewerblicher Arbeiter Hausindustrielleroder Handwerker ist. Schon hier mag aber darauf hingewiesenwerden, dafs es oft ungemein schwer ist, gerade in diesem ent-scheidenden Punkte die Grenze zwischen dem Handwerk und ver-wandten Wirtschafts- bezw. Betriebsformen zu ziehen. Meist istdas äufsere Erkennungszeichen die Erteilung von Bestellungenseitens eines Nichtkonsumenten, was die handwerksmäfsige Organi-sation in andere Organisationsformen überführt; häufig verschlägtaber auch dieses Kriterium nicht, und man mufs anderswie festzu-stellen suchen, ob man es mit einem Handwerker oder mit einemHausindustriellen zu thun hat. Hier genügte es für unsere Zweckevollständig, zu konstatieren, dafs dem Wesen des Handwerks dasStreben nach standesgemäfsem Unterhalt und ökonomischer Selbst-ständigkeit in der von uns umschriebenen Weise principiell ent-spricht.
Allen diesen Schwierigkeiten entgeht man übrigens, sobaldman sich der herrschenden Auffassung anschliefst, der zufolgeHandwerk sich mit Kundenarbeit decken soll. Diese Auffassnngvertritt bekanntlich Bücher, der ihr eine besonders markanteFormulierung gegeben hat 1 , aber auch Schmoller macht sie imwesentlichen zu der seinigen, wenn er ausführt 2 : „Der direkte per-sönliche Verkehr des arbeitenden Meisters als Produzenten mitseinen Kunden als Konsumenten charakterisiert wesentlich das
1 Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, und Artikel „Gewerbe“ inH.St. 4 2 .
2 G. Schm oll er, Gesch. Entw. der Unternehmung, in seinem Jahr-buch 14, 1047.