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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.
während sie früher 1 zweckmäfsiger als Lohn- oder Kunden-handwerker und Kaufhandwerker unterschieden wurden.
Der Unterschied dieser beiden Formen des Handwerks 2 bestehtbekanntlich darin, dafs im ersteren Falle der Konsument, imletzteren der Produzent den Rohstoff liefert. Begründet nun dieserUnterschied wirklich eine solche Wesensverschiedenheit, wie viel-fach angenommen wird? Mir scheint nicht. Weder aus historischen,noch sachlichen Gründen ist eine Veranlassung herzuleiten, jenenUnterschied der Rohstoffdarbietung besonders zu urgieren.
Historisch ist von fachmännischer Seite 3 schon nachgewiesenworden, dafs die Biichersche Konstruktion, wonach das deutscheHandwerk der Regel nach zuerst als Lohnwerk entstanden sei undsich erst im Lauf der Zeit in Kaufwerk verwandelt habe, nicht den <
Thatsachen entspricht. Es hat ebensofrüh Kauf- wie Lohnwerkgegeben.
Und diese Entwicklung ist aus sachlichen Gründen durchausplausibel. Denn es bedeutet gar kein höheres Stadium des Reich-tums oder des gewerblichen Produzentenstandes, wenn der Hand-werker statt des Produzenten den Rohstoff lieferte. Die technischeFertigkeit mufs ja sowieso in beiden Fällen dieselbe sein. Etwaaber annehmen zu wollen, dafs die Beschaffung der Rohstoffe not- #
wendig höhere Ansprüche an die „Kapitalkraft“ oder die „speku-lativen Fähigkeiten“ des Produzenten stellen und ihn dadurch schonhalb und halb in einen Unternehmer verwandeln müfste, ist einedurchaus irrtümliche Annahme. Es giebt viele Lohnhandwerke,die mehr Sachvermögen zu ihrer Ausübung verlangen als mancheKaufhandwerke: man denke an Gerbereien, Färbereien, Mühlenund vergleiche sie mit den Requisiten der Schuster, Kammmacher,
Buchbinder und anderen Gewerben. Der Einkauf der paar Ochsen-hörner oder der halben Ochsenhaut beim Nachbar Fleischer machendoch wahrhaftig den Kammmacher oder Schuster noch nicht zumspekulativen Kaufmann: selbst heute noch nicht. Geschweige infrüherer Zeit oder gar während der Zunftverfassung, wo selbst dieSpuren kaufmännischer Spekulation, die dem Einkauf des Rohstoffs
1 Vgl. z. B. Schmoller, Tücher- und Weberzunft, 60; Stahl, Dasdeutsche Handwerk 1 (1874), 123 (Kauf- und Kundenwesen).
2 Bücher will die Bezeichnung „Handwerker“ nur auf seine Preiswerkerbeschränkt wissen. Der Grund für diese willkürliche Terminologie ist ganzund gar nicht einzusehen.
3 G. von Below, Die Entstehung des Handwerks in Deutschland inder Zeitschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte 5, 227 ff.