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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Erstes Buch. Die Wirtschaft als Handwerk.

Gewandschneiclern vielerorts, so fast durchgängig in Norddeutsch-land * 1 , aber auch anderswo 2 3 das Monopol des Gewandausschnitts,also des Detaillierens von Tuch verschafft.

Damit war also der Zwischenhandel für Tücher rechtlichgleichsam konsolidiert; es scheint sogar teilweise für den Absatzan dem Produktionsorte selber. Und wir machen hier die inter-essante Beobachtung zum ersten Male, die wir noch häufiger wieder-holen werden, dafs im Mittelalter, während der berühmtenStadt-wirtschaft, der Weg, den das Produkt vom Produzenten zumKonsumenten zurückzulegen hat, länger war, als er heute in ver-kehrswirtschaftlich organisierter Gesellschaft ist. Während es näm-lich heute die Regel bildet, dafs jeder bessere Mafsschneider, wenner auch nur kleinkapitalistischer Unternehmer ist, direkt von derTuchfabrik seine Stoffe bezieht, sehen wir im Mittelalter sich stetseinen Händler zwischen Tuchmacher und Schneider, bezw. Konsu-menten schieben 8 . Aber waren denn jene im 14. Jahrhundertan die Gewandschneider liefernden Tuchmacher auch wirklichnochHandwerker und nicht etwa schon Hausindustrielle?Diese Frage wirft auch Schmolle r 4 auf;es wäre von grofsemInteresse, festzustellen, ob etwa anderwärts sc. aufser in Köln ,wo sich die Weber das Recht des Gewandausschnitts bewahrten -die Gewandschneider die Verleger und Arbeitgeber der Tuchmacherwaren.

Schmoller selbst vermeidet, auf seine eigene Frage eine rundeund nette Antwort zu geben. In der That wird sich ein urkund-licher Beweis schwer führen lassen. Wir sind also auf Rück-schlüsse aus anderen Umständen angewiesen. Schmoller führt unterdiesen mit Recht in erster Reihe die Thatsache auf, dafs in denZuuftkämpfen des 14. Jahrhunderts fast überall die Tuchmacher dieführende Zunft waren und dafs der Kampf gegen den Rat unddie Kaufmannschaft sogar vielerorts zu einem Kampfe gegen die

14. und 15. Jahrhunderts giebt eine gute Vorstellung die Übersicht über diein Danzig zum Verkauf kommenden Laken- oder Tuchsorten bei Th. Hirsch,Danzigs Handel- und Gewerbegeschichte (1858), 250 ff.

1 Vgl. die urkundlichen Nachweise bei Schmoller, a. a. 0. S. 107 ff.

2 Für die englischen Städte Ashley, 1, 83, 120.

3 Diese Trennung von Produzent und Konsument durch einen dazwischen-geschobenen Händler ist in den mittelalterlichen Städten Englands bei denmeisten Gewerben die Kegel; es kommt darin die präponderante Stellung derMerchant guilds zum Ausdruck. Vgl. G. Grofs, The guild merchants. 2 Vol.1891 passim, und dazu Doren, Kaufmannsgilden (1892), 150.

4 a. a. O. S. 110.